›Was arbeiten Sie eigentlich, Georg? Ich habe Sie nie gefragt.‹
›Weshalb einen Ausdruck dafür suchen? Ob man in Stein, Farben oder Worten dichtet – die Schöpferfreude tut’s.‹
›Lassen Sie mich teilnehmen,‹ bat ich leise, und er rückte zur Seite.
›Sehen Sie,‹ sagte er und beschrieb mit der Hand einen Kreis über all die leuchtende Herrlichkeit, ›hier ist Gottes Geschichtsbuch. Hier liegen die Kulturen von Jahrtausenden in Schichten aufeinander. Wen die Götter lieben, der darf ein Lied aus dem Buche singen, unzähligen Liedern das Leben wiedergeben. Vorwärts!‹ rief er und klatschte in die Hände. ›Den Vorhang hoch!‹
Er beugte sich vornüber, mit großen lachenden Augen und schlug befehlshaberisch mit der Hand auf die Mauer. Und ich beugte mich mit vor, erregt und lachend. ›So lassen Sie doch beginnen, Dichter!‹
›Schauen Sie hin! Der braune Kerl da ist ein Sikuler, ein Ureinwohner. Er fegt die Bühne sauber für die Gäste, die ihn aus dem Hause werfen. Hierher, armer, betrogener Bursche! Lagere dich zu den Füßen der Dame. Scheu bietet er Ihnen einen blühenden Orangenzweig aus seinen Wäldern, Frau Gräfin. Und jetzt! Hören Sie die feine Musik, die Flötenbläserinnen? Von der See herauf wallt ein Zug festlich gewandeter Griechen, über die Bühne schreitet der Chor, griechische Kultur in den feierlich erhobenen Händen, die Schar der lorbeergeschmückten Künstler inmitten. Götterbilder erheben sich, Tempel wölben sich über den Bildern, Städte wachsen um die Tempelhallen. Und die Menschen wachsen mit und ihre Gedanken wachsen über sie hinaus, schon greifen sie nach dem Sitz der Götter, die Griechenknaben, da – da – Vernehmen Sie den Schrei? Sehen Sie, wie der Chor angstverzerrt über die Bühne stiebt? Die Götter haben den Arm gereckt. Karthager über euch! Weinend schleppt sich ein Griechenflüchtling heran. Er nimmt den Lorbeerkranz vom Haupt und legt ihn Euch zu Füßen, Herrin. Und auf der Bühne frißt der erzene Moloch Karthagos das Griechentum, und in seinem feurigen Bauche verschwinden Helden und Künstler …‹
›Wer naht dort?‹
›Kennen Sie nicht den »Schritt der Legionen«? Rom ist’s, das gestern hungrig war und heute. Es läßt die Völker sterben bis auf Nam’ und Art, ob es sich kaiserlich, ob es sich päpstlich nannte. Ah, wie es sich auf Aktschlüsse versteht! Es macht ganze Arbeit. Bildsäulen, Gold und Edelgestein packt es in seinen Räubersack. Keine Blume zur Huldigung? Verzeiht, Rom gibt nichts umsonst. Laßt den blutenden Karthager zufrieden! Er will zu meiner Herrin! Da bringt er Ihnen eine Aloe, die er aus der afrikanischen Heimat hierher verpflanzte. Wie sein letzter Blutstropfen glüht ihre Blüte …‹
Der Freund sprang auf und wies auf die See. ›Eine Zauberblume ist’s. Sie zwingt von neuem afrikanisches Blut über das enge Meer, und die Flut, die heranwogt, ist die Sarazenenflut. Hei, wie sie die Felsen, wie sie die Bühne erklettern, die sehnigen, geschmeidigen Kerle. Da wirft Ihnen der Führer eine Rose zu. Fangen Sie auf, schöne Frau, diese moslemitische Bande versteht sich auf Frauenschönheit. Neue Dekorationen schleppen sie herbei. Wo weiße Griechentempel, wo semitische Götzen, wo römische Altäre standen, wölben sich die Kuppeln der Moscheen in bunter Mosaik und Mohammed wird gewaltiger als die Götter der Himmel. Noch einmal werden die Trümmer der Vergangenheit in Trümmer geschlagen, auf den Trümmern neu aufgebaut, Sarazenennamen verschlingen die Namen der Städte, das Halbmondbanner rauscht über Sizilien.‹
›Weiter, weiter!‹ drängte ich und griff nach seiner Hand. Er preßte sie, daß es schmerzte.