›Oho! Das Stück ist noch nicht zu Ende. Auf der Bühne drängen sie nach vorn, weichen taumelnd zurück. Blonde, blauäugige Männer erscheinen in der Kulisse. Sie stürmen vor, sie packen zu. Die Normannen sind da! Das Theater hallt wider vom Kampfgeschrei. Vom Jauchzen der blonden Sieger. Stille ringsum. Die Hohenstaufen reiten auf die Walstatt. Deutschlands Kaiser streckt das Schwert über das blutgedüngte Sizilien …‹
›Bringt er mir keine Blume mit? Sie haben mich verwöhnt.‹
›Er trägt eine vorn ins Panzerhemd genestelt. Die blaue Blume der Romantik! Ich hole sie Ihnen. –‹
– Wie es kam, lieber Freund?« sagte die Gräfin leise und berührte des Hörers Hand, der in sich versunken am Kamine saß. »Wir waren in Dichters Landen. Ein Prinz, so schien mir, hatte ein Gänsemädel hineingeführt. Und der Prinz kniete vor mir, mit lachendem Gesicht, mit Augen, in denen die Freude über meine Freude stand, und ich nahm dies Antlitz in beide Hände …«
»Still,« sagte der Oberst, »ich fragte nicht danach.«
Die Gräfin hatte sich zurückgelehnt. Sie hielt die Augen geschlossen.
»Eine Frau muß eine Erinnerung haben. Ich hatte bis dahin keine. Nimmt es Sie wunder, daß da mein Herz aufsprang, staunend, hingerissen von der Natur und dem ersten Menschen, der sie mir kündete? Daß ich selig wie ein junges Mädchen war? ›Du …‹ stammelte es vor mir, unter meinen Händen hervor, auf denen ich seine Lippen spürte, und ich erwiderte ihm, wie einen Dank: ›Morgen, morgen – sollst du es wissen …‹
Arm in Arm gingen wir durch den Abend heim, das ›morgen‹ erwartend. Die Sonne kam, aber nicht der Freund. Er lag in seinem Zimmer, fiebernd. Man holte einen italienischen Arzt herbei, ein Männchen aus der alten Schule, das sich nicht zu helfen wußte. Mit Mühe schafften wir den Erkrankten im Wagen zur Station. Wir saßen im reservierten Abteil, sein Kopf hing matt auf meiner Schulter, und ich hielt seine fieberheißen Hände. In einer Stunde waren wir in Messina, ein Wagen erwartete uns am Bahnhof und brachte uns zum Hospital. Die Sonne ging unter …
Ich saß Tag und Nacht an seinem Lager und ließ mich nicht verscheuchen. ›Er hat zu wenig an seinen Körper gedacht‹, sagte der Arzt, ›da hilft auch Chinin nicht mehr.‹ Der Kranke phantasierte. Er schuf ein Bühnenwerk und sprach Verse, die mich erschütterten. Dann fuhr er auf und legte mir den Arm um den Hals. ›Soll ich es dir kaufen, das Theater von Taormina?‹ – ›Ich habe es ja schon in Besitz genommen‹, und ich bettete ihn in die Kissen zurück. – ›Und mich, mich nahmst du auch in Besitz.‹ – ›Werde gesund,‹ bat ich, ›es wird Großes aus dir werden.‹ Und er antwortete sinnend: ›Wenn die Götter mich lieben – und ich früh sterbe – ein Dichter –! Ich weiß nicht, ob ich noch wünschen soll, gesund zu werden …‹ – ›Mein Dichter,‹ sagte ich und drängte die Tränen zurück. – ›Siehst du es,‹ meinte er, und in seinen Augen stand ein Licht, ›das bin ich geworden. Dein Dichter. Könnte ich noch mehr erreichen …?‹
In der Frühe, als die Morgensonne kam, starb er in meinen Armen. Er trug ein heimlich Diadem. Kein Mensch sah es als ich.«