Der Oberst erhob sich und trat ans Fenster. Er schob den Vorhang beiseite und blickte lange in die mondhelle Winternacht, in die klare, deutsche Landschaft.
»Frau Ella, nun möchte ich Ihnen auch ein Bild zeigen.«
Sie trat zu ihm, und ihr Blick flog über den stillen Gutshof, über die stillen Felder.
»Hier wurzeln Sie, Frau Ella. Haben Ihnen das die zehn Jahre pietätvoller Schwärmerei noch immer nicht gesagt?«
»Sie verstehen mich nicht, lieber Freund.«
»Ob ich Sie verstehe! Und Ihr Freund, der Dichter, hat Sie auch verstanden.«
»Ich glaube es.«
»Nicht so. Sondern wie ich Sie verstehe. Die Todesstunde schärft die Augen. Und als er sich mit seinen letzten Worten ›Ihren Dichter‹ nannte, fügte er in klarer Erkenntnis hinzu: ›Könnte ich noch mehr erreichen?‹ Gräfin, deshalb wollte er nicht gesund werden.«
»Weshalb …?«
»Weil er Ihres Wesens Kern kannte. Weil er wußte, daß bei Ihnen nach der Stunde poesievollen Schwärmens, nach der sich einmal jede Frauenseele sehnt, der Drang nach Betätigung, nach werktätiger Arbeit wiederkehren würde; daß die fröhliche Bohèmewirtschaft, zu der allein seine Natur veranlagt war, Sie trostloser gemacht haben würde, als die Gefangenschaft zuvor. Sie haben einen zu sehr auf Ordnung und Reinlichkeit gerichteten Sinn, liebe Gräfin. Der Farbenrausch des Südens hatte ihn nur benommen. Das klingt nüchtern. Aber es paßt zu unserer Landschaft. Und wir lieben diese Scholle in ihrer herben Schönheit, und wir lieben den geradblickenden, gesunden Schlag ihrer Menschen.«