»Oberst, Sie schätzen mich zu gering ein.«
»Nein, bei Gott nicht, und ich verehre Sie um Ihrer Treue willen nur noch mehr. Aber es ist die Treue, wie man sie einem schönen Gedicht aus der Mädchenzeit hält. Alle diese Bücher« – er wies mit ruhigem Lächeln auf die Bücherreihen – »sollten Ihnen das Gedicht und die Freude an dem Gedicht wiederbringen. Fanden Sie das Glück wirklich in der abgeschiedenen Stille Ihrer Bücherei? Oder spürten Sie es im Sausen und Brausen, wenn die deutsche Gutsherrin auf kräftigem Fuchs über ihre Äcker galoppierte? Gräfin, betrügen Sie sich nicht ein ganzes, köstliches Leben hindurch mit einer Episode des Lebens. Man schlüpft nicht in ein Kleid, das einem nicht gehört. Man sprengt doch eines Tages die Nähte. Hierher gehören Sie, zu Frauen und Männern unserer Art. Ein Tröpfchen romantischen Blutes haben wir alle, und mich treibt es jetzt dazu, Ihnen trotz des Schattens, den Sie gegen mich kämpfen lassen, gerade in dieser Stunde auszusprechen: Ich liebe Sie mehr! Und ich will Sie glücklicher machen, als die Erinnerungen. Ich biete Ihnen kein Gedicht, ich biete Ihnen ein Leben.«
»Das bot er mir auch …«
»Nein, er bot Ihnen seinen Tod, ich Ihnen das Leben!«
»Kennen Sie das wehmütige Sprichwort, Oberst: ›Wen die Götter lieben, der stirbt jung‹?«
»So sollen die Götter mich mit ihrer Liebe ungeschoren lassen.«
»Nein, Oberst, Sie sind kein Dichter.«
»Gehört das zu den Forderungen, die Sie an Ihre Freunde stellen?«
»Sie verspotten mich.«
»Nur mich selber. Weil ich nur lernte, erst den Säbel, dann die Pflugschar führen. Denken Sie, ich hielt das bis heute auch für Poesie. Aber da ich Anwartschaft darauf habe, steinalt zu werden – meine Vorfahren waren eine zähe Sorte und haben sich gewaltig ihres Lebens gefreut – so werden die Götter Taorminas wohl anders über meine Poesie denken. Gute Nacht, Gräfin, ich hole mir meinen Gaul selber aus dem Stall.«