Straff und aufrecht stand er vor ihr. Dann beugte er sich, küßte ihre Hand und ging hinaus.

»So warten Sie doch. Ich begleite Sie in den Stall.«

»Es ist ein ganz gewöhnliches Pferd, Gräfin, ohne Flügel. Aber dafür umso zuverlässiger.«

Von der Freitreppe aus sah sie, wie er sich in den Sattel schwang. Roß und Reiter verwuchsen in eins. Ganz feine Flocken tanzten. »Prachtvoll!« rief er zurück. »Das wird ein Ritt.« –

Als sie ins Haus zurückkehrte, blickte sie sich um. War es hier immer so leer? Sie ging in die Bibliothek, nahm ein Buch und setzte sich vor den Kamin. Nein, nicht lesen. Es war eine lebendige Stimme im Zimmer.

Sie stand auf und stellte sich ans Fenster. In der heimischen Winternacht sollten die Erinnerungen südlicher Sonnenstunden um sie sein. »Georg,« sagte sie vor sich hin, um seine Gestalt zu beschwören. Aber sie kam nicht. Sie sah nicht seine Augen, hörte nicht sein Lachen. Sie strengte sich an, das Dunkel zu durchdringen, zehn Jahre rastloser Gutsarbeit zu verscheuchen. Er kam nicht. Und vor wenigen Augenblicken noch hatte sie von ihm erzählt, erzählt, wie man ein Gedicht erzählt, wie Mädchen erzählen. Nicht wie Frauen.

»Georg …«

Und Stunden hindurch stand sie am Fenster und wartete auf ein Gesicht, das nicht kommen wollte, das nicht kommen konnte, da die schwärmerischen Mädchenaugen, die es einst erschaut, auch nicht mehr waren …

Fernhin ein Klang, wie ein Liedklang …