»Kennst du die Bibel, Francesca? In ihr steht ein Wort des Heilandes: ›Wer viel geliebt, dem wird viel vergeben werden!‹ Du kannst dich darauf verlassen.«
»Wißt Ihr denn,« flüsterte die Alte mit stockendem Atem, »wie sie starben? Wißt Ihr von der Giuditta Africana?«
»Du sollst erzählen, Francesca, damit ich alles weiß.«
Die Kerze, welche die Alte an eine Stufe gelehnt hatte, knisterte. Ihr Licht spielte in den Granatblüten, die wie Blutstropfen in den Zweigen hingen. Die Greisin sah hin. Ihre Augen weiteten sich.
»Da – da – da! – Blut –«
»Sieh genauer hin, Francesca. Die Blutstropfen haben sich in Blumen verwandelt. Für jede Schuld gibt es eine Verzeihung.«
»Es sind – Blumen,« sagte die Alte.
»Nun mußt du Ruhe geben. Dir – und den Toten.«
Scheu ging der Blick der Alten zu den Granatzweigen. Dann hing er an dem abgeblätterten Madonnenbild. Und jedes Wort, stockend oft, oft jagend, sprach sie zu dem Bilde. »Gnadenmutter, sie konnte nicht mehr selber kommen. Es gebrach ihr an Zeit, Mutter Maria, so glaub es mir. Ich weiß es und ich schwör’s. Aber sie war nicht ohne Beichte! Da sie dich nicht mehr sprechen konnte, schrieb sie dir. O, sie hatte es erlernt. Neige dich zu mir, Madonna, und nimm es in Gnaden an.«
Aus einer Fuge im Stein nahm sie ein paar verknitterte Blätter und hob sie empor. Dann sanken ihre Arme müde.