»Gib sie mir, Francesca. Ich werde es der Madonna sagen.«

Und ich las. Ungeschickte Worte, die wie das Gestammel eines Kindes klangen und die verzweifelnde Leidenschaft, die grimmige Seelennot eines Weibes in sich bargen. Worte, in einer Stunde niedergeschrieben, die das erste, jähe Erwachen bedeutet haben mochte. Angstrufe, herrisches Aufbäumen – mit seltsam weichen Erinnerungen gemischt, die wie aufblitzende Sterne gegen das Dunkel der Seele anzukämpfen suchten. Der Brief eines Wildlings an die ferne Madonna …

Wo das Gewebe sich wirrte, befragte ich die murmelnde Alte. Und immer lebendiger hob sich das Bild und fügte sich in den Rahmen. Von der Kerze tropfte das Wachs. Als der Docht erlosch, schwebten durch die leeren Fensterhöhlen die ersten feinen Schleier des jungen Tages.


In dem rotgestrichenen Hause, das man Palazzo nannte, weil es aus Steinquadern errichtet war, lebte die junge Giuditta, die man die ›Afrikanerin‹ nannte, wie man Vater und Großvater, soweit das Gedächtnis der Positaner reichte, mit dem Beinamen die ›Afrikaner‹ bedacht hatte. Ob einer der Voreltern Giudittas, die von Vater auf Sohn das Mittelmeer befahren hatten, einst eine Frau der afrikanischen Küste mit heimgebracht, ob vor Jahrhunderten, als afrikanische Piraten die italienischen Gewässer beherrschten und ihre Raubnester von Sizilien bis Ligurien an die Felsen klebten, ein Sarazene das Geschlecht zurückgelassen, keiner wußte Genaues zu sagen. Nur Giuditta wußte es. Ihre Amme Francesca hatte, als die Mutter jung am Fieber zu Grunde gegangen und der Vater zwischen den Riffen bei Tetuan gescheitert und ertrunken war, das eigenwillige Kind mit alten Sagen zur Ruhe gebracht. Und die kleine Elternlose kannte ihre Macht über die Amme und Pflegerin, die mit schwärmerischer Verehrung an dem jungen, schönen Geschöpfe hing, das so schnell zu befehlen verstand.

»Erzähle mir, daß ich eine Prinzessin bin. Was in der Schule neben mir sitzt, sind Lümmel, und ich will nichts mit ihnen zu tun haben.«

»Mein Prinzeßchen hat recht. Es sind schmutzige Rangen, und es gab einmal eine Zeit, da sie flugs die Mützen herunterrissen, wenn sie nur dies Haus von weitem sahen.«

»Aber mein Vater war ein Seemann.«

»Was tut’s? Seine Vorfahren waren Könige der See. Sie kamen aus dem Lande der Mittagsonne und hatten Feuer im Blut. Herren waren sie, und die Positaner ihre Diener, die ihnen die Schuhe küßten.«

»Ich habe auch Feuer im Blut,« murmelte das Kind, und dann preßte es die Lippen aufeinander.