»Die Positaner,« fuhr die Amme fort, um dem schönen Eigensinn zu schmeicheln, »waren Sklavenseelen, die sich von Päpsten und Fürsten Gesetze geben ließen. Deine Vorfahren aber waren freie Häuptlinge und gaben sich selbst Gesetze nach ihrem Willen.«

»Das will ich auch.«

»Sie wählten sich nur Königinnen zur Frau.«

»Und ich will einen König! Hörst du, Francesca? Und wenn ich auf meinem Schlosse sitze, sollst nur du meine Hofdame sein.«

»O du süße Seele! Und was werden die Leute von Positano sagen?«

»Laß sie schimpfen.«

Und die Leute von Positano schimpften. Denn stolz und herrisch schritt die kleine Giuditta durch die Reihen ihrer Altersgenossen, ohne einen Blick nach rechts und links, und nur wenn ein alter Fischer, überrascht von der seltenen Schönheit des Kindes, unwillkürlich nach der Mütze fuhr, fand sie ein Lächeln, dessen Zauber die Menschen in Banden schlug. Zuletzt ließ man sie gewähren, da sie mit ihrer alten Dienerin wenig aus dem Hause ging, es sei denn in ihren Limonen- und Olivengarten, von dessen Ertrag sie lebten. Nur wenn die Aveglocke erklungen war und bald darauf kaum ein Mensch noch in dem stumpfen Städtchen wachte, huschten Herrin und Dienerin an den Strand der ehemaligen Hafenbucht und blickten lange hinüber nach den märchenhaften Inselgebilden mit dem trotzigen Rundturm. Und wieder, im Flüsterton, mußte die Amme erzählen, und ihr bißchen Hirn entzündete sich an den glänzenden Augen des heranwachsenden Mädchens, das, die Hände um die Knie geschlungen, in den Steinen neben ihr saß, bis sie die Wahrheit ihrer Erzählungen hätte beschwören können.

Wenn der Schirokko aus Südosten kam, saßen sie die ganze Nacht. Dann fieberte das Blut Giudittas, daß sie meinte, wilde Piratenschiffe auf der leuchtenden See zu erblicken. Todmüde kehrten sie in der Frühe heim. Und wenn der Septembersturm durch den Golf fuhr, daß die Wellen brausend über den Strand glitten und gierig in den Schluchten an der Felswand fraßen, wenn die See fernhin auf der Höhe in weißen Kappen sprang und tanzte, daß die Boote, die heimwärts arbeiteten, in tollem Wechsel aufgesogen und ausgespieen wurden, saßen sie nicht minder in Wind und Wetter, und Giudittas Mund grüßte durch Rauschen und Brausen hindurch jauchzend den Starken, der Boot und See zu zwingen verstand, und hatte ein verächtliches Zucken für den Feigen und Ungeschickten. Dann glaubten die Kühnen, es mit ihrer Liebe wagen zu können, aber wenn sie ihr unter die Augen traten und ihre wohlgesetzte Rede begannen, lachte sie ihnen ins Gesicht: »Nimm dich in acht, daß ich dich nicht verbrenne!« und wandte den Rücken.

»Sie hat im Schirokko gesessen,« sagten die Klugen Positanos bedeutungsvoll, und die noch Klügeren sagten nur: »Giuditta Africana« und machten dazu eine Gebärde.

Über zwanzig war Giuditta alt geworden, und wenn die Frauen der Südküste in diesen Jahren hastig alterten und verblühten, ihre Schönheit wurde wie zum Trotz gewaltiger und leuchtender. Groß war sie gewachsen, schlank und voll. Auf dem mattglänzenden Halse, den rote Korallen schmückten, trug sie den schmalen Kopf mit dem dunkeln, im Nacken schwer verknoteten Haar, auf beiden Seiten von einer einzelnen tiefroten Koralle gehalten. Wenn sie die langen Wimpern hob, sah man in ihren Augen ein stolzes geheimes Feuer. Aber selten nur flammte es nach außen. Es war, als ob es nach innen gerichtet sei. Längst schon wagten die Burschen Positanos nicht mehr, sie mit Liebesgedanken zu verfolgen, wenn sie, weißgekleidet, mit schnellem leichten Schritt durch die Gassen kam. Die Altersgenossen waren früh verheiratet, der Nachwuchs gestattete sich nur scheue Bewunderung. Man hielt sie für gelehrt, da sie zu Hause Bücher las und das Schreiben erlernt hatte.