Und eines Abends spät kam die große Überraschung.
An einem Septemberabend war’s. Die Aveglocke war verklungen, und die Bewohner Positanos hatten ihre Häuser geschlossen. Giuditta saß allein zwischen den Felsen am Strand, denn die Alte plagte sich daheim mit einer Erkältung. »Sturm«, sagten ihre Lippen, aber sie selbst blieb regungslos. Sie blickte auf die See, die in der Ferne zu tänzeln begann. Sie sah es deutlich an den huschenden weißen Lichtern, die immer schneller wiederkehrten. Dann kam es näher, und die erste Dünung zog, bei flauem Winde noch, über die glatte Meeresfläche der Bucht. Für Sekunden Ruhe. Dem Winde war der Atem ausgegangen. Und plötzlich – hui – pfiff es aus Nordwest, daß die Felswand Echo gab, und nur des Signals gewärtig, warf das blaue Meer Farbe und Zahmheit ab, wandelte sich zu tiefem Schwarz und giftigem Grün und erfüllte sein Becken mit heiserem Grollen.
Aus der Richtung der Galli-Inseln arbeitete sich ein Boot heran. Es mußte weiter herkommen, vielleicht von Capri, denn die kleinen Inseln waren um diese Zeit unbewohnt. Auch hätte man dort den heraufziehenden Sturm bemerken müssen. Mit ungestümer Kraft legten sich die beiden Ruderer in die Riemen. Das Segel war eingezogen, wohl zur rechten Zeit. Und aufrecht an dem dünnen Mast stand ein Mann, ein Fremder der Tracht nach. Giuditta hatte es mit scharfem Blick erkannt.
Sie war aufgesprungen und ließ ihr weißes Tuch flattern. Schon kämpfte die Dunkelheit das letzte Dämmer nieder.
»Hier – her!« schrie sie durch die hohle Hand. »Hier! – Hier! – Hier! …«
Einen Augenblick standen die vier Ruder wagrecht über dem Bootsrand. Dann schoß das Boot mit einer jähen Wendung auf den einstmaligen Hafenplatz zu. Der Fremde an der Maststange hatte wohl einen Befehl erteilt.
Giuditta kannte die seichte Stelle zum Landen. Ausladend genug, um vor den gierigen Klippen zu bewahren. Auf flüchtigen Füßen sprang sie hin. Der Wind riß ihr das Kopftuch in den Nacken. Sie ließ es. Wie aus Stein gehauen, weit vornübergebeugt, jede Sehne gespannt, stand sie und erwartete das Boot.
Da kam es heran, von wütenden Wellen verfolgt. Mit letzter Kraft hieben die Ruder, weit vorgreifend, in Ufersand und -gestein. Und Giuditta packte mit klammernden Fäusten die Spitze des Kahns.
Was war das? Fast hätte sie losgelassen, und noch war der Fremde im Boot.
Ein Lachen schlug an ihr Ohr, ein Lachen, so sündhaft übermütig, wie sie es nie für möglich gehalten. Und dann eine Stimme, in schlechtem Italienisch: »Druff, druff! Heilig Kreuz, ist die Attacke schon zu End’?« Ein Husten, und die Stimme brach ab.