Der Fremde stand neben ihr, groß, hager, mit hellem, wehendem Schnurrbart in dem eingefallenen Gesicht, in dem die jungen, blaublitzenden Augen einen seltsamen Kontrast schufen. Erst dehnte er die Arme und Beine, um die steif gewordenen Gelenke geschmeidiger zu machen, dann trat er näher und klopfte dem Mädchen unbefangen die Wange.

»Gut gemacht, gut gemacht – ah, Pardon!«

Ein flammender Blick hatte ihn getroffen. Eine Sekunde nur. Und Giuditta wandte gleichmütig den Rücken und stieg den Steinpfad hinan.

»Stillgestanden!«

Unwillkürlich hielt sie den Schritt an. Da war er bei ihr, den Hut in der Hand.

»Verzeihung, mein Fräulein,« sagte er ernsthaft. Und sie sah ihm in die Augen und sah, daß die Augen lachten. »Ich habe Ihnen zu danken, daß Sie mich von der Verantwortung für diese beiden wackeren Capreser Familienväter entbunden haben. Machen Sie das Maß voll und weisen Sie uns eine Herberge. Das scheint hier ja ein gottverlassenes Nest zu sein.«

»Und für sich – danken Sie nicht?«

»Später,« sagte er kurz, »erst die Herberge.«

Die Fischer hatten ihr Boot auf den Strand gezogen, es angepflockt und traten mit dem Gepäck heran. Da ging sie stumm vorauf. Nur der Fremde blieb neben ihr und plauderte. Der Nachmittagsdampfer von Capri nach Sorrent war ihm vor der Nase auf und davon gegangen. Kein Unglück weiter. Die Capreser Barkenführer wollen auch leben. So konnte er statt Sorrent gleich Positano erreichen. Man hatte es ihm empfohlen wegen des weichen und warmen Winterklimas. »Ich seh’ danach aus, was?« Da streifte sie schnell seine elastische Figur. »Unterwegs ging der Tanz los. Ein Kontertanz. Wechselt die Damen! Herrgott, war das schön! Und lustig obenein. Das Blut wurde aufgerüttelt – es war nämlich seit einem halben Jahr eingeschlafen – und man spürte den alten Adam wieder! Gekreuzt hin und her, aus dem Kurs geschlagen, wieder hinein, das knallende Segel beigeholt und dann mit Muck und Spuck in die Ruder! Ihre Landsleute, mein Fräulein, alle Achtung, hielten sich tapfer. Nur lachen wollten die Kerle nicht, wenn’s mit Heidi nach unten und mit Hallo nach oben ging. Na ja, ist auch kein Vergleich. Mein sogenanntes Leben –«. Er pfiff durch die Zähne.

Die Herberge war dunkel und verschlossen. Kein Mensch zeigte sich auf das starke Klopfen.