Er ging mit ihr, durch die menschenleeren Gassen, an den verfallenen Häusern vorbei. Immer weiter hinunter, bis sie an den verlassenen Hafen kamen. Er fragte nicht. Er hielt nur ihren Arm in den seinen gepreßt. An einer beladenen Barke trafen sie die alte Francesca. Die grüßte das schöne Paar tief wie ein Königspaar. Der Himmel war übersät mit silbernen Sternen.

Wortlos nahmen sie, ein jedes auf einer Bootsbank, Platz. Dann griffen die Ruderblätter tief ein.

Und als nach heißer Fahrt die Inselküste vor ihnen aus dem Meer sich hob und die Mauern des Sarazenenturmes aus dem Dunkel sich lösten, ließ Giuditta ihre Ruder über dem Wasser schwingen, lehnte sich zurück und begann ein Lied. Zum ersten Male, daß sie sang. Eine wilde, ergreifende Melodie. Die zog auf breiten Schwingen über das Wasser, umflatterte den harrenden Turm und legte sich über den Strand, auf den das Boot auffuhr. Es war wie ein großes, wunderbares Geheimnis.

Sie schritten über den Strand und betraten den Turm. Zwischen den Mauern, über dem Schutt, war ein Nest hergerichtet. Notdürftig zwar, aber genügend, um Schutz zu gewähren. Ein alter bunter Teppich deckte den Boden. Durch die fensterlose Turmluke, die wie der Eingang durch eine Wolldecke zu sperren war, schwebte die weiche, laue Nachtluft und der Sternenschein. Unaufhörlich sang das Meer.

»Nimm Besitz, Enrico. Das ist unser Reich. Dort in der Holzhütte schläft unser Hofstaat, Francesca. Wir brauchen das Dach nur zur Nacht. Am Tage haben wir den Sonnenhimmel zu Häupten und zu Füßen die blühende Insel. Sprich ein Wort, ob du zufrieden bist.«

»Ja, nur ein Wort: – Giuditta!«

Und sie in seinen Armen: »Mein Enrico … Mir gehörst du!«

Früh mit der Sonne durchstreiften sie ihr Reich. Oft eng aneinandergeschmiegt, oft wie ausgelassene Kinder sich jagend und haschend. Auf jedem Punkte, der neue Aussicht bot, hielten sie an und schrien auf vor Entzücken. Mit jedem Baum, jedem Strauch, mit der ganzen Blütenwildnis umher machten sie feierlich Bekanntschaft. Auf einer Steinplatte, die sich über das Meer hinausreckte, lagerten sie eng verschlungen, den Blick auf die hochgeschwungene Silhouette Capris gerichtet, oder südwärts, in der Richtung, in der sie Salerno wußten.

»Dorthin mußte der arme Heinrich, Giuditta. Ich konnte mir den Weg sparen. Hoho! Ich bin gesund!«

»Ruhig, ich bin dein Arzt!«