Der Matrose hoch oben im Ausguck gab das Stundenzeichen. Da erwachte Miß Turnbull. Sie regte sich nicht. Nur die Augen schlug sie auf. Verloren hing ihr Blick an seiner Hand, mit der er die Lehne ihres Stuhles umspannt hielt.
»Haben Sie Schönes geträumt?« fragte er.
»Geträumt – –? Haben wir uns denn nicht unterhalten?«
»Ja – im Traum.«
»Das ist seltsam. Mir war, als erzählten Sie mir. Aus Ihrem Leben. Und dann brach es ab.«
Ihr Blick war noch immer auf seine Hand geheftet, die am Ringfinger einen schmalen, goldenen Reifen trug. Sein Blick folgte dem ihren. Und tief atmend, ohne sich Rechenschaft zu geben, sagte er: »Ich will weiter erzählen.«
Es war ganz still an Deck. Die Passagiere, ermüdet von den Strapazen der Ballnacht, hatten frühzeitig ihre Kabinen aufgesucht. Nur der Schritt des diensttuenden Offiziers scholl in schwerem Gleichmaß von der Kommandobrücke. In der Ferne signalisierte ein Schiff und verschwand in der Nacht.
»… Ich war gewarnt. Aber was wußte ich von der Frau! Nicht mehr als von meiner Mutter. Und das genügte mir. Denn ich war stolz auf meine Mutter. Als ich Hanna zum erstenmal sah, nahm sie keine Notiz von mir. Ich war noch Student, im letzten Semester, und sie hatte ohne mich Tänzer genug. Damals hieß es, sie würde einen Hauptmann heiraten, und ich beneidete den Mann, denn sie hatte etwas an sich, das verwirrte und fesselte. Zwei Jahre später – ich war Dozent geworden – verlautete, ihre Hochzeit mit einem Diplomaten stünde bevor. Ich weiß, daß ich damals einen heftigen Schmerz verspürte und eine ebenso heftige Freude, als ich wenige Wochen darauf vernahm, die Verlobung sei in letzter Minute zurückgegangen. Und wieder hörte ich lange Zeit nichts von ihr. Bis mein erstes Geschichtswerk herauskam, das meinen Namen bekannt machte und mir die Professur eintrug. Ich war der jüngste Professor. Da öffneten sich manche Türen, an denen ich früher nur scheu vorübergegangen war. Und bei einer Abendgesellschaft traf ich Hanna – –
Sie begrüßte mich, als ob sie sich meiner noch entsinne. Das schmeichelte mir, obwohl ich genau wußte, daß ich ihr persönlich nie vorgestellt worden war. Sie begann sofort über mein Buch zu sprechen und die glänzende Laufbahn, die sich mir damit eröffnet hätte. Bei Tisch war sie meine Dame. Sie hatte ihren besonderen Tag. Obwohl sie mit mir gleichaltrig war, überstrahlte sie die jüngste der Damen. Oder mir war nur so, und meine Augen sahen alles nur in dem Lichte, in dem sie es gesehen haben wollte. Nie habe ich solchen Bann gespürt. Das tat, sie behandelte mich wie einen Vertrauten. Wenn sie mich etwas fragte, geschah es schnell und leise, als wäre ihr Wort nur für mich berechnet. Wollte sie mich auf etwas aufmerksam machen, so winkte sie mir mit den Augen und dirigierte lächelnd meinen Blick. Dazu der Ton der vornehmen Welt, die schillernde Art, mit Gedanken zu spielen oder an sich gleichgültige Dinge wie Gedanken einzukleiden. Ich hatte nie Frauen dieser Sphäre gekannt. Ich war wie berauscht.
Anderen Tags erhielt ich den Besuch eines älteren Kollegen, den ich hochschätzte. Er sagte mir, daß er wegen eines selten gewordenen Buches käme, und sprach – von Hanna. Ich ging mit Freuden auf die Unterhaltung ein und dann mit Zorn. Wie konnte ein Mensch wagen, diese Frau zu verdächtigen? Wo waren die Beweise? Daß sie zweimal verlobt gewesen sei? Das sprach nur gegen die Männer. Daß sie kokettiere? Ach Gott, das sagt man den Frauen nach, die beweglicheren Geistes sind als andere. Wir aber sollten uns schämen, derartig müßiges Gerede weiterzugeben.