›Die Scham,‹ sagte der alte Kollege, ›äußert sich bei manchem Manne früher, bei manchem Manne später. Bei mancher Frau gar nicht.‹ Damit ging er und grüßte mich ernst.
Ich blieb in wildester Erregung zurück. Das Blut brauste mir bis in die Ohren. Und dann nahm ich meinen Hut und rannte durch die Straßen und ohne weiteres zu ihr, zu Hanna. Sie stand vor mir, mit der leichten Röte der Spannung auf den Wangen. Und ich sprudelte heraus, was ich gehört, was man mir zugetragen hatte, und ich sah das Rot auf ihren Wangen aufsteigen und hielt es für das Rot der Scham und forderte, als sei ich an ihrer Statt der Beleidigte gewesen, Antwort. Ganz fest sah sie mich an, und sie las in meinen Augen die Antwort, die ich hören wollte …«
Der Erzähler machte eine Pause.
»Eine halbe Stunde darauf waren wir verlobt.«
Die Zuhörerin fuhr auf. Dann ließ sie sich leise in ihre alte Stellung zurücksinken.
Er aber sah an ihrem blassen Gesicht vorbei auf das nachtdunkle Meer, das das Schiff in unaufhaltsamer Eile lautlos fast durchschnitt.
»Wenige Monate darauf waren wir verheiratet. Kaum einen anderen Menschen habe ich in dieser Zeit zu Gesicht bekommen als Hanna. Sie behauptete, auf jeden eifersüchtig zu sein, der sich mir nahen wollte. Und diese Eifersucht machte mich glücklich. Wo wir Männer mit dem Herzen lieben, sind wir Kinder.
Jetzt sind es drei Jahre, daß ich verheiratet bin, fuhr Professor Wilhelmi fort. Die fürchterlichsten Jahre meines Lebens. Nein, nein, lassen Sie mich zu Ende erzählen. Es ist gleich so weit, und es hätte schon eher so weit sein können. Aber ich war eben ein Kind. Aus dem Kind wurde ein Diener. Diese Art Avancement befremdete mich zunächst in keiner Weise. Dann erst fiel mir auf, daß sie einseitig war. Aus meinem Elternhause wußte ich, daß sich zwischen Vater und Mutter ein Sport entwickelt hatte, sich gegenseitig zu bedienen. Bei uns blieb die Beschäftigung mir allein zugedacht. Aus der ernstesten Arbeit wurde ich herausgerissen, um Aufträge zu empfangen, und alle zielten auf Geselligkeit und den Aufwand hierzu. Das Interesse an meinen historischen Forschungen, das sie mir in den Tagen unserer Brautzeit so sehr entgegengetragen, daß ich leicht auf alle Kollegen Verzicht leisten konnte, war mit dem Tage der Hochzeit verschwunden. Und doch sollte ich arbeiten, mußte ich arbeiten, um die immer höher steigenden Ausgaben zu decken. Da war es kein Wunder, daß ich ihr nicht in alle Gesellschaften, zu Waldpartien, zu Eisfesten und was weiß ich, folgen konnte. ›Wir haben einen berühmten Namen‹, pflegte Hanna zu sagen. ›Ich sorge dafür, daß er nicht in Vergessenheit gerät, während du in deinem Gelehrtenstübchen über deinen unsterblichen Werken hockst.‹ Ich ließ sie gehen, wohin sie wollte, denn ich gewann dadurch die Ruhe, die ich brauchte, um durch Arbeit Geld zu schaffen. In diesen Tagen aber packte mich ein neuer Neid. Der Neid auf den Schuster unten im Hof, der nach Feierabend sein lachend sich sträubendes Weib auf den Schoß nahm.
Und dann – nach drei Jahren fast – erhielt ich zum zweiten Male den Besuch meines alten Kollegen, zu dem ich die Hochschätzung wiedergefunden hatte. Er nannte mir einen Namen. Und dann nahm er mich fest in den Arm. ›Sie haben Hoffnungen zu erfüllen,‹ sagte er, ›wissenschaftliche Hoffnungen. Sie sind mir zu schade, daß Sie so untergehen. Sonst wäre ich wahrhaftig nicht wiedergekommen.‹ Da habe ich mich zusammengerissen.
Als Hanna von einer Ausfahrt heimkam, ging ich ruhig und gefaßt in ihr Zimmer. Ihre glitzernden Augen sahen mich an, während ich sprach. Aber sie lasen nicht mehr die Antwort aus meinen Augen, die Antwort, die ihr am bequemsten gewesen wäre, wie damals bei unserer Verlobung. Und plötzlich waren die Rollen gegen damals vertauscht. Die Worte überstürzten sich auf ihren Lippen, sie leugnete, sie schwor, sie fand Worte voll Schimpf und Hohn. Nie sah ich je einen Menschen in solcher Ekstase des Häßlichen. Da wußte ich: wahr oder unwahr! – dies Bild wirst du nie im Leben mehr vergessen.