»Nein, es ist so geheimnisvoller. Man kann alte Sagen hineindichten, aus grauen Zeiten, da noch die große Sonne auf große Menschen schien und ein Graf hier hauste wie ein König des Sees.«
»Die Schulkinder werden uns Lügen strafen.«
»Ich aber behaupte es. Es wird ein Heckenritter gewesen sein. Denn wie ein Wall, wie eine Hochwacht ist der Berg, und von der festen Burg war ein beherrschender Blick über den Como- und den Leccoarm und über die vereinigten Wasser des Lario, von den Dörfern und Städten, von den Weingärten und Olivenhügeln bis zu der drohenden Kette der Schneeberge. Nichts auf dem See konnte geschehen, ohne daß der Graf es wußte und wollte. Und er nahm von den Tonnen Weins, die auf dem See verladen wurden, die besten und trank sie aus und von den Frauen des Sees die schönsten. Und auch sie sprachen, wenn er sie heimwärts ließ: Du hast mich ausgetrunken wie einen Becher Weins. – Es war einmal. Die Zeiten und ihre Sitten haben sich gewandelt …«
Sie drangen in den letzten Hohlweg, der zum Gipfel führte, und sie lächelten über ein Liebespaar, das, wie eine Illustration ihres Gesprächs, eng umschlungen ihnen entgegenkam.
»Ein italienischer Offizier. Wohl aus Como –«
Und ein Ruf hüben – ein Schrei drüben!
Vor dem Paare stand Wilhelmi. Der Offizier verstand seine Bewegung falsch und riß an seinem Säbel. Da beugte sich Wilhelmi weit vor, und mit furchtbarem Hieb seines Stockes schlug er über die bewaffnete Hand, daß der Säbel auf die Steine klirrte.
Wie eine Wildkatze hatte sich die Frau an die Brust des Verwundeten geworfen und deckte ihn.
Und noch immer weit vornübergebeugt und auf die Gruppe starrend, sagte Wilhelmi: »Frei!«
Dann wandte er sich nach seiner totblassen Begleiterin um und bot ihr den Arm.