»Wenn ich falle, so sollst Du wissen, daß ich auf der Fahrt nach dem Glück gefallen bin. Ich liebe Dich.«
Sommer und Winter wechseln, Sonne und Sturm. Die Blumen in dem ruhevollen Park und die Scharen der Menschen, die die Gestade des Lario besuchen. Nur eine englische Dame bleibt Sommer und Winter, jahraus, jahrein. Der mädchenhaft schlanke Wuchs ist ihr geblieben und das junge Gesicht mit den feinen Zeichen. Durch das kurze brünette Haar ziehen sich Silberfädchen.
»Die Natur hat es ihr angetan,« sagen mit Stolz die Barkenführer, und die Fremden nicken, überwältigt von dem Zauber der Landschaft.
Und wissen nicht, daß sie den stillen Schläfer, der am Berge ruht, zu trösten hat, jahraus, jahrein … –
Der Gruß des Lebens
Dicht neben dem Schloßpark lag das kleine weiße Haus im Zopfstil des Rokoko. Von der Anlage aus, die nur in den Nachmittagsstunden von den bequem gewordenen Residenzlern aufgesucht wurde, sah man über die mehr als hundertjährige, mannshohe Taxushecke hinweg zwischen den üppigen Platanen die geschweiften, von Muschel- und Schneckenornamenten schier erdrückten Fenster blinken, während die Fenster der Rückseite den Einblick in eine Lichtung des fürstlichen Parkes gestatteten wie in ein der Sehnsucht so nahes, der Wirklichkeit verschlossenes Märchenland. Als der Hof von Versailles für Europa die Losung verschwiegener Üppigkeit ausgab, war der Park über Nacht entstanden, aus altem, gepflegtem Forst heraus, und dem Schloß erreichbar, vom Park und vom Spazierweg aus zu betreten, hatte der lebens- und liebeslustige Erbauer ein Schmuckkästchen aufführen lassen für ein entzückendes Dämchen mit hochtupiertem, schneeweiß gepudertem Haar, getuschten Augenbrauen, Schönheitspflästerchen neben dem Grübchen der Wange und inmitten der feingeschwungenen Buchtung der kokett aus indiskretem Seidenleibchen lugenden kleinen Büste. Und in dem zierlichen, über dem Erdgeschoß nur ein Stockwerk aufweisenden Häuschen war mehr Leben, Lieben und Lachen gewesen als in dem großen Schlosse. Aber weit über ein Jahrhundert war es her, selbst um die Gespensterstunde spukte kaum noch ein Echo, und im Parkwinkel hatte brünstig umarmender Efeu längst die Goldlettern von dem Stein geküßt, der den Namen der kleinen Sünderin trug, welche selig unter ihm schlief.
Die Tugend war in der kleinen Residenz eingezogen und mit der Tugend die schadenfreudige Nachrede. Vom Schlosse her wehte ein strenger Wind. Man ging in hochgeschlossenen Kleidern und strickte daheim Leibchen für die Missionen, häkelte wohl auch einmal, um den Sinn für das Schöne zu bekunden, an einem kunstreichen Sofaschoner, der vor leichtfertiger Liebe warnt und den Segen der Häuslichkeit preist. Dreimal auf einem Ballabend hatte im vorletzten Winter die junge Frau Hofrat mit dem Hauptmann der Leibkompanie getanzt. Das bildete noch immer das Tagesgespräch. Und die junge Frau Hofrat lachte auf der Straße nur noch mit rotgeweinten Augen …
Am stärksten aber hatte das kleine, weiße Rokokohaus am Parkrand den Wechsel der Zeiten erfahren. Es war dem Konservator der fürstlichen Sammlungen als Dienstwohnung überwiesen worden, einem ältlichen, sorgfältig rasierten Herrn mit hochgeknoteter schwarzer Krawatte und langem, peinlich gebürstetem Gehrock. Er hieß Herr Direktor, Herr Direktor Hubertus, aber von seinem weidmännischen Namenspatron hatte er nur ein Jagdfieber ererbt, das sich auf verstaubte, vergilbte Beute erstreckte. Einer alten Handschrift, mehr noch eines seltenen Kupferstichs wegen vergaß er sich selbst und seine Umwelt, das der Freude erbaute weiße Rokokohaus, durch das eine junge Frau wie im Traum einherschritt, wenn sie nicht stumm am Fenster saß, die Blicke ziellos und zwecklos auf die Spazierwege der Anlage gerichtet oder durch den Parkeinschnitt auf das heimliche Treiben des Hofhalts. Vor fünf Jahren hatte er sie geheiratet, die Tochter eines Studienfreundes, der sich über den drohenden Bankerott eines allzu lustigen Lebens durch eine zu hoch bemessene Portion Digitalis hinweggeholfen hatte. »Herzschlag«, hatte der alte Hausarzt der vor Schreck erstarrten Tochter gegenüber mitleidsvoll geäußert. Dem Freunde des Verstorbenen aber, der aus der Residenz angereist gekommen war, mußte er die Art dieses Herzschlages doch etwas näher erklären. Es handelte sich um rasche Hilfe für die von allen Mitteln entblößte hinterbliebene Tochter.
Damals gerade war dem emsigen Konservator der fürstlichen Sammlungen die neue Dienstwohnung angewiesen worden. Das Haus hatte Platz für zwei und drei. Es lag still und abseits genug, um einem Kindesschmerz Muße zu gewähren, das Gedächtnis eines teuren Toten zu pflegen. Direktor Hubertus war daran, den Vorschlag einer einstweiligen Übersiedelung zu machen, als ihm die Tugend der Stadt und die leicht entzündbare üble Nachrede einfiel. Er rieb sich das Kinn und sah das schlanke Geschöpf mit den großen, fragenden Augen mit Bedauern an. Und während er sie so betrachtete und ihm bei der Kürze der Zeit, über die er verfügte, kein anderer Vorschlag geläufig werden wollte, fiel ihm bei einer müden Wendung, die sie machte, die Ähnlichkeit ihres Profils mit einer köstlich geschnittenen Gemme auf, seinem Lieblingsstück in der fürstlichen Sammlung. Dieser Vergleich ließ ihn nicht mehr los. Mit der Miene des Kunstkenners studierte er die edle Linie des Kopfes, die reingeprägten Züge ihres Gesichtes. Es war der Sammler, der ihn drängte, den Vorschlag einer einstweiligen Übersiedelung in den einer dauernden umzuwandeln. Besaß das Kabinett seines Herrn den Stein, so konnte er in der Stille des Hauses sein Auge an der lebendigen Form weiden. Und nicht die scharfäugigste Tugend vermochte einen entstellenden Flecken nachzuweisen.