»Wann – dachten Sie – daß ich zu Ihnen – übersiedeln sollte?«

»Die Umstände entschuldigen, daß wir von dem Trauerjahr absehen. Sie sollen sich so bald als möglich in Sicherheit fühlen.«

»In zwei, in drei Monaten –?«

»Ich werde alles vorbereiten.« Er erhob sich, und sein sinnender Blick hing lächelnd an ihrem klaren Profil. »Seien Sie so frohen Mutes, als es Ihnen diese Zeit erlaubt. Ich werde mich jetzt zu den Gläubigern Ihres Vaters begeben und die Schuld auf mich übertragen lassen. Leben Sie wohl.« –

Um ein Vierteljahr später zog die junge Frau Maria in das kleine, weiße Rokokohaus, das unter den von alten Zeiten raunenden Platanen hinter der hohen Taxushecke träumte. Und bald träumte die junge Herrin mit … Wenn der Konservator der fürstlichen Sammlungen im Amte weilte oder daheim über Mappen alter Kupferstiche saß, die nach Alter rochen wie die Wäscheschränke des Hauses nach Lavendel, horchte sie auf das Wispern zwischen Taxus und Platanen, das von Leben, Lieben, Lachen erzählte, von kleinen Menschensünden und großen Menschenfreuden zu den Zeiten des entzückenden Rokokodämchens, das seine Jugend mehr liebte als seine Tugend. Dann wurden ihre Augen weit, einer fremden Sehnsucht voll, und sie ließ den Abendwind, der aus dem verschwiegenen Schloßpark kam, um Hals und Wangen schmeicheln.

»Du wirst dich noch erkälten, Maria. Bitte, schließ das Fenster. Und sieh einmal her. Wer, glaubst du ist der Autor dieser höchst originellen Serie von Kupfern …?«

Sie schloß das Fenster und setzte sich zu ihm an den Tisch. Zu antworten brauchte sie nicht. Der eifrige Sammler hatte bereits die Lupe wieder eingeklemmt, um nach wegweisenden Merkmalen zu fahnden, die ihm den Namen des Kupferstechers verraten könnten. Der Abend ging hin.

Und Woche auf Woche, Monat auf Monat schloß sich an. Sorgfältig rasiert, im peinlich gebürsteten Rock wandelte der fürstliche Konservator in sein Amt, wandelte heim, warf einen frohen Blick auf das edelgeschnittene Profil der Gattin, dem der Schnitt der fürstlichen Gemme nicht standhalten konnte, und vergrub sich in seine Forschungen. Und draußen juchheite der Frühling in den Bäumen, kamen des Sommers Düfte in Strömen aus dem Schloßpark geflossen, färbte sich das Laub purpurn im Auskosten letzter Wonne und fiel braun in den Schnee, der geheimnisvoll die Decke breitete, damit sich neue Seligkeit zu neuen Kräften sammle.

Frau Maria schritt durch das Haus. Nur an den Fenstern zögernd. Wie der Gefangene, der immer wieder nach dem Stückchen blauen Himmel blickt. Tag für Tag schritt sie durch das Haus, ruhelos, vom Keller zum Söller, von Gedanken umsponnen wie von einem unsichtbaren Hofstaat. In der Einsamkeit wurde ihr Blut heißer und lauter, ihr Gesicht blasser und stiller. Mit Menschen kam sie kaum zusammen. Der Herr Konservator war ein Einsiedler gewesen Zeit seines Lebens, die späte Ehe sollte ihm seine Gewohnheiten nicht stören. Die Selbstsucht des Alters war in ihm. Die Vorstellung, daß die Jugend neben ihm, weil sie nun doch einmal an seiner Seite einherschritt, nicht mit seinen Augen sehen, nicht mit seinen Gefühlen empfinden, nicht seine Liebhabereien und Abneigungen teilen sollte, lag ganz abseits seiner Begriffswelt. Weil er sich wohl und warm fühlte, glaubte er dasselbe von seiner jungen Genossin. Da sein Alter nichts entbehrte, wähnte er ihre Jugend in heiterer Zufriedenheit. Nur so verstand er ihren Blick, der schweifend ins Blaue ging oder starr auf einen nahen Punkt gerichtet blieb.

»Freue dich, Maria, heute abend – heute abend bring’ ich dir ein seltenes Blatt.«