»Einen kostbaren Abend lang. Es ließ sich nicht umgehen. Die höhere Beamtenschaft vereinigt sich Dienstag mit ihren Damen zu einem Festessen, zu Ehren eines Dienstjubiläums des Fürsten. Liebste, es wird dir gerade wie mir schwer fallen, unser Tuskulum zu verlassen. Aber es muß sein.«
Sie trug Sorge um ihre Toilette. Die Zeit war knapp. Aber er beruhigte sie. »Das einfachste Kleid wird das schönste sein. Ein Sammler hütet seine Schätze.«
Aber eine geheime Mädchenunruhe ließ sich doch nicht bannen. Jeden Tag, wenn sie allein war, stand sie vor ihrem Kleiderschrank, prüfte, verwarf, entschied sich und begann zu ändern und zu verschönern. Der Spiegel lachte sie an, und sie lachte den Spiegel an. »Ein Sammler hütet seine Schätze,« klang es in ihrem Ohr. »Für wen? Wofür …?« Sie schloß die Augen. An dem Kleide änderte sie nicht mehr. – –
Der Tischnachbar, der ihr bestimmt war, hatte im letzten Augenblick wegen eines Podagraanfalles absagen müssen. Aber der Frau Hofrat war unerwartet der Besuch ihres Bruders zugefallen, und ihr Gatte hatte ihm eine Einladung verschafft. So wurde der leere Platz neben Frau Maria besetzt. Es kam fast wie eine Verwunderung über sie, daß sie nicht auch hier allein blieb.
»Gnädige Frau, ich meine, Sie wiederzuerkennen. Habe ich den Vorzug mit der Tochter des Geographen Professor Neuhoff?«
»Er war mein Vater.«
»Und ich, gnädige Frau, war sein Schüler. Ich habe Ihrem Herrn Vater vieles zu danken. Vor allen Dingen die Begeisterung.«
»Die – Begeisterung?«
»Wundert Sie das? Und Sie sind seine Tochter?«
»Ich habe es in der Zurückgezogenheit dieser Stadt fast vergessen.«