Über den Ponte Vecchio von Florenz schritt an einem glühenden Junimorgen ein junger blonder Mann in grauem Touristenanzug, den weichen, breitkrempigen Filzhut weit in den Nacken geschoben. Die Szenerien am Arnoufer mußten ihm bereits bekannt sein, denn er wandte die Augen weder rechts noch links, hielt die Hände in den Taschen seines Jacketts vergraben und pfiff beim Gehen leise vor sich hin. Er bog in die Via dei Guicciardini ein und strebte, wie selbstverständlich, die Anhöhe hinan, auf der im Schmucke des Boboligartens der Palazzo Pitti seine mächtige Fassade streckt. Hier wartete er, die Uhr in der Hand, bis die Glocken aus der Stadt die zehnte Morgenstunde herüberriefen und der Palast seine Pforten den Besuchern der Galerie öffnete, stieg alsbald die Stufen bis zum zweiten Stockwerk empor, durchschritt ohne Aufenthalt den Saal der Ilias, nur einen liebevollen Blick mit dem Meisterwerk Giorgiones, dem Konzert des Augustinermönches, tauschend, und gelangte in den Saal des Saturnus.

Noch war er der einzige Gast in dem prunkenden Bau, den die Eifersucht auf die Medici errichtete. Der tägliche Schwarm der Italienreisenden überschwemmte noch nicht die Säle, und die störenden Bemerkungen der Philister drängten sich um diese Stunde nicht in die Andacht des Wissenden und Lernenden.

Vom Saal des Saturnus wandte sich der junge Mann gleich der linken Wand zu, blieb vor einem Gemälde stehen und nahm den Hut vom Kopf. Raffaels Madonna della Sedia schaute ihn aus großen glückstrunkenen Mutteraugen an – –.

»Ja,« dachte er, und es war eine große selbstlose Freude in ihm, »so sieht das Glück aus … Eine glückliche Mutter! Kann es etwas Glückseligeres geben?«

Er setzte sich auf ein Polster, drückte den Hut zwischen die Kniee und blieb im Ansehen versunken.

Aus dem anstoßenden Saal kam ein leichter Schritt. Ärgerlich wollte der einsame Beschauer die Brauen runzeln. Aber schon flog ein Lächeln des Erkennens um seinen Mund, und er ließ sich nicht stören. Doch nach einigen Minuten konnte er nicht anders, als heimlich den Kopf zur Seite zu wenden. Nur, um sich zu vergewissern, ob sie es auch wirklich war, die sich seit den acht Tagen, die er nun in Florenz weilte, mit ihm in den stillen Kultus des Madonnenbildes teilte. Nein, er hatte sich auch heute nicht getäuscht. Einen kleinen bemalten Fächer in den Händen, stand sie seitwärts von dem Bilde, auf das sie den Blick mit einem eigentümlichen Ausdruck sinnend geheftet hielt.

Der junge Mann beobachtete sie jetzt schärfer. Sein Interesse an der Dame, die seiner Schätzung nach Ende der Zwanziger stehen mochte, war schon seit Tagen geweckt, ja, wenn er sich genauer Rechenschaft ablegen wollte, seit der Morgenstunde, in der er sie zum ersten Male vor dieser Bilderperle angetroffen hatte und ihm die Schönheit ihres dunkelbraunen Haares, der braunen Augen, die so ungewöhnlich groß aus dem feinen Antlitz leuchteten, aufgefallen war. Die Formen ihres Körpers, die das seltsame Gemisch von frauenhafter Anmut und der leichten Grazie des Mädchens zeigten, waren von einem duftigen Kleide aus weißem Spitzenstoff umhüllt, der schmale Fuß erwies sich elegant beschuht, die Hände bedeckten fein durchbrochene Handschuhe aus Seidengewebe, die sich bis zur Mitte des schön gerundeten Armes hinaufzogen. Im Gürtel der zarten, biegsamen Taille staken ein paar dunkelrote Rosen.

Die Dame schien den Blick zu empfinden. Sie tat ein paar Schritte, um aus der Sehlinie ihres einsamen Gesellschafters zu kommen und maß ihn dabei kühlen Auges. Aber der Ausdruck echtester, staunender Bewunderung auf dem offenen Gesicht des jungen Mannes machte sie stutzen, eine leise Röte huschte über ihr Gesicht, sie lächelte fast ein wenig und verließ bald darauf den Saal, da von draußen die Stimmen neuer Besucher ertönten. Auch der junge Tourist hatte sich erhoben und war, ohne es eigentlich zu wollen, der Dame gefolgt. In schicklicher Entfernung von ihr schritt er dahin und bewunderte die elegante Figur und die sichere Grazie des Ganges. Der Weg führte am Ufer des Arno entlang, dann rechts ab und hinauf zum Piazzale Michelangelo, dem wunderbaren Aussichtspunkt auf Florenz. Neben dem bronzenen David des Meisters nahm sie auf einer Bank Platz und ließ die Augen über das ferne Häusermeer schweifen, bis sie einen Punkt gefunden hatten, an dem sie hafteten. Und wieder sah der junge Lauscher, der nicht weit von ihr hinter einer breitastigen Platane stand, denselben eigentümlichen, sinnenden Ausdruck des Blickes, mit dem sie Raffaels gemaltes Mutterglück betrachtet hatte, und doch war etwas Neues, Fremdartiges darin, eine Sehnsucht – –.

Wem mochte Blick und Gefühl gelten? Den Klostermauern drüben im Osten der Stadt, die wie ein grauer Fleck inmitten glänzender Paläste lagen? Dazu stimmte nicht Gewand und Haltung. Oder den Palästen selbst, den blühenden Gärten, die heiteres Leben verkündeten? Dazu wieder lag zu viel stille Traurigkeit in dem Blick. Und doch war es Sehnsucht, ein Verlangen, mit dem sie rang. Hier oben auf den Höhen, zu denen sie emporgestiegen war, lagen die stillen Wonnen des Sommers ausgebreitet, und unten in der Stadt, die sie verlassen hatte, pulste das frühlingsfrische Leben des ewig jungen Florenz.

Wohl eine Stunde war vergangen. Droben vom Kirchlein San Miniato klang eine Mittagsglocke. Noch einen langen Blick warf die Dame auf das Panorama zu ihren Füßen, und langsam ging sie den Weg zurück, dem Arno zu, über die Brücke in die innere Stadt bis zum Dom, wo sie in einem Privathotel verschwand. »Maison Nardini,« las der junge Mann. Und in einer Stimmung, die er nicht begriff, die aber sein ganzes Innere mit sonderbaren Bildern und Wünschen erfüllte, umschritt er den Domplatz, kehrte zu dem Hotel zurück und riß sich endlich mit Gewalt los, um sich nach der Post zu begeben und nach Briefen für den Baumeister Karl Erkelenz zu fragen. Er fand Nachrichten vor aus der deutschen Universitätsstadt, an deren Hochschule er eine Assistentenstellung bekleidete, las sie teilnahmslos durch und befand sich plötzlich wieder vor dem Hotel Nardini. Kurz entschlossen trat er ein, erkundigte sich bei dem Wirt nach einem Zimmer, und schon am Nachmittag trug ein Dienstmann das geringe Gepäck aus seinem bisherigen Hotel in die Pension Nardini. Über sein Tun war er sich nicht im geringsten klar, aber er betrieb die Übersiedlung so schnell, um nicht Zeit zu finden, erst darüber nachzudenken. Er wußte nur eins: er handelte im Banne dieser großen, braunen, sehnsüchtigen Augen.