Die elektrische Klingel rief zum Siebenuhrdiner. Erkelenz hatte seine grauen Touristenkleider mit einem schwarzen Anzug vertauscht und saß bereits auf dem Platz, den ihm der Aufwärter angewiesen hatte. Nur wenige Gäste waren anwesend. Die meisten der Hotelbewohner hatten die Schönheit des Tages zu weiteren Ausflügen benutzt, von denen sie noch nicht zurückgekehrt waren. Die minestra war als Vorspeise herumgereicht worden, der Aufwärter tauschte klappernd die Teller, und noch immer wollte sie nicht erscheinen, um derentwillen der junge Baumeister Pensionär des Signor Nardini geworden war. Er begann nachgerade unruhig zu werden und sich im stillen Vorwürfe über sein übereiltes Tun zu machen. Wer bürgte denn dafür, daß die Dame in diesem Hotel wirklich Wohnung genommen hatte? Konnte sie heute mittag nicht zu einem kurzen Besuch hier eingetreten sein? Vielleicht gar, um bei Bekannten einen Abschiedsbesuch zu machen. Wahrhaftig, damit wäre das lange, stille Verweilen bei der Davidstatue in Einklang zu bringen gewesen, das einem Abschiednehmen so ähnlich sah. Es war ein kindischer Streich, ohne jeden Anhaltspunkt mit Sack und Pack hierher zu ziehen, und Erkelenz fühlte, wie ihm die gute Stimmung abhanden kam. Er war doch, weiß Gott, nach Florenz gekommen, um sich über alte Baudenkmäler und nicht über junge Frauen zu unterrichten. Über junge Frauen! Er hatte Zeit seines Lebens noch nichts von ihnen gewußt, und seine Kameraden hatten ihn weidlich wegen seiner Weiberscheu gehänselt.
Da öffnete sich die Tür. Und errötend bis unter die Haarwurzeln machte der Baumeister der Dame, die sich ihm gegenüber niederließ, eine ungeschickte Verbeugung. Sie war es, die er erwartet hatte. In demselben weißen duftigen Kleide.
Erkelenz wagte kaum von seinem Teller aufzusehen. Der große, erstaunte Blick, mit dem sie seinen Gruß erwidert hatte, hatte ihn in eine knabenhafte Verwirrung versetzt.
Um ihn herum wurde in vielen Zungen parliert. Nur sein schönes Gegenüber beteiligte sich nicht an der Unterhaltung und spielte schweigend mit den Blumen auf der Tafeldecke.
Dieses Schweigen wurde dem jungen Baumeister von Minute zu Minute peinlicher. Bei seiner geringen Weltkenntnis glaubte er einen stummen Verweis für seine Anwesenheit darin zu erblicken. Aber das Auge der Dame ruhte so unbefangen und freundlich auf ihm, daß sein frischer Jugendmut mit einem Schlage zurückkehrte.
»Befehlen Sie diese Früchte?« fragte er bescheiden und bot ihr die Schale.
Sie nickte dankend und begann eine Orange abzuschälen. Er sah ihr aufmerksam zu, wie sie die goldgelbe Frucht zwischen den feinen Fingerspitzen drehte. Da traf ihn ihr lächelnder Blick, und er wurde rot wie ein ertappter Sünder.
»Darf ich Ihre Freundlichkeit erwidern?«
Die Stimme klang so weich und angenehm, und er beeilte sich, eins der Orangestückchen, die sie ihm auf ihrem Glastellerchen bot, anzunehmen.
»Gnädige Frau,« sagte er stockend, »ich habe wohl die Ehre, eine Landsmännin zu begrüßen? Gestatten Sie mir: mein Name ist Erkelenz.«