»Das werde ich gewiß nicht tun.«
»Nun. Können Sie sich denken, daß mich sowohl meine früheren Kommilitonen wie auch meine jetzigen Kollegen für – seien Sie mir nicht böse, wenn ich mich drastisch ausdrücke – für weiberscheu halten? Und da fiel mir ein: wenn sie mich jetzt sähen, jetzt in diesem Augenblick – ah, wie sie mich trotz ihrer großen Frauenkenntnis beneiden würden.«
Sie hatte den Fächer hochgehalten, als ob die Abendsonne sie belästige. Aber hinter dem bemalten Stückchen Seide verbarg sie ein stilles Lächeln. Als sie den Fächer sinken ließ, sah er ihre Augen in heiterer Güte auf sich gerichtet.
»Daß Sie Ihr Herz nicht verzettelt haben,« sagte sie warm, »das ehrt Sie nur. Dafür verdienen Sie einmal recht glücklich zu werden. Man soll seine heiligsten Gefühle nie verzetteln.«
Sie nahten sich dem Eingang der Cascinen.
»Hier wollen wir aussteigen. Ist es Ihnen recht, durch den Park zu promenieren?« fragte sie. »Aber Sie wissen noch immer nicht meinen Namen. Verzeihen Sie mir.«
Sie nahm ein Täschchen aus ihrem Gürtel und reichte ihm eine kleine Elfenbeinkarte.
»Frau v. Stein« las er und verneigte sich dankend.
Sie hatte den Kutscher, wie sie es gewünscht, selbst abgelohnt, und nun wanderten sie langsam, in vollen Zügen die Luft des abendstillen Parkes genießend, unter den hohen Baumgruppen einher. Das Gespräch, das sie zuerst fortzusetzen versucht hatten, war ins Stocken gekommen, sie gingen nebeneinander her, wie es langjährige, treue Bekannte oder Liebende tun, wie Menschen, die, ohne die Sprache zu Hilfe zu nehmen, doch im regsten Gedankenaustausch bleiben und sich wortlos Red’ und Antwort stehen. Von Zeit zu Zeit ließ der junge Baumeister einen heimlichen Blick über die Gestalt seiner Dame gleiten, oder die schöne Frau belauschte hinter dem Fächer hervor die Züge seines Gesichtes, in dem die Männlichkeit erwachte. Eine Weile schon waren sie fortgeschritten, als er unvermittelt fragte: »Sie werden doch noch länger in Florenz bleiben?«
»Ich weiß es nicht.«