Sie standen neben einer Bank, über der sich eine mächtige Ulme emporreckte. Weg und Wald lag im tiefen Abenddämmer. Von der Mitte des Parks her, wo die Cafés sich befinden, kamen wehmütige Orgelklänge herübergezittert. »O dolce Napoli,« spielte die Orgel.
Frau v. Stein war bei dem unvermittelten Ausruf des jungen Baumeisters blasser geworden. In dem Dunkel, das sich ausbreitete, glänzten ihre Augen übernatürlich groß. Sie tastete mit der Hand nach der Lehne der Bank und ließ sich nieder. Und als sie eine Weile wie freudig lauschend geradeaus gestarrt hatte, fuhr sie sich mit dem Handrücken über die Augen und sagte tief aufatmend: »Welch ein Unsinn.«
Karl Erkelenz wußte nicht, was erwidern. Ihm war zu Mute, als begänne ein Märchen sich anzuspinnen, dessen Fäden ihm noch unsichtbar seien. Am liebsten hätte er sich zu ihren Füßen in das Gras gesetzt und hinausgeträumt in die Welt.
»Zürnen Sie mir wegen meiner Aufrichtigkeit?« fragte er schüchtern.
Die unschuldige Zaghaftigkeit, so unmittelbar hinter dem jugendlichen Sturm und Drang seines Wesens, berührte sie tief. Es lag etwas in seiner Stimme – war es die Ehrerbietung oder die Anbetung oder beides zugleich – was ihr unendlich wohl tat. »Lieber Freund,« sagte sie und reichte ihm die Hand, »welche Frau würde zürnen, weil man sie jung und schön findet. Ich bitte Sie, geben Sie mir Ihren Arm. Es wird dunkel, und wir dürfen uns nicht verirren.«
Sie schritten den Weg zurück, den sie gekommen waren, und er geleitete sie mit einer Vorsicht und Ritterlichkeit über Unebenheiten und Baumwurzeln, die den Weg kreuzten, als führe er eine Prinzessin. Er fühlte das pulsende Leben ihres Armes durch die dünne Spitzenhülle in seinen Körper eindringen. Das verwirrte ihn. Und sie horchte immerfort auf den Schlag ihres Herzens, das heute doppelt laut schlug, und dachte unaufhörlich: »Ob er es vernimmt, wie das törichte Ding in meiner Brust dummes Zeug schwatzt? Ich müßte mich schämen vor dem lieben Jungen.«
Als sie aus dem Park heraustraten, ging sie schnellen Schrittes auf einen Wagen zu.
»Ich werde allein nach Hause fahren. Nein, nein, ohne Widerrede. Genießen Sie den Abend noch, und wenn Sie mögen und Ihre Zeit es Ihnen erlaubt, so holen Sie mich morgen frühzeitig ab, zu einem Ausflug nach Fiesole.«
Er hob sie in den Wagen und küßte ihr die Hand, mit der sie sich auf die seine gestützt hatte. Und er nahm ihre andere Hand und küßte auch diese. Sie schloß die Augen und lehnte sich zurück. »Es ist wie im Frühling,« sagte er, um nur irgend etwas zu sagen.
Sie nickte, mit geschlossenen Augen lächelnd.