Dann fuhr der Wagen schnell davon, und der junge Baumeister folgte ihm langsam, Schritt vor Schritt, und grübelte und lachte, weil er die Gegenwart der schönen Frau noch immer empfand wie eine Wohltat. Und diese Frau wollte alt sein? Er wurde fast übermütig bei dem Gedanken.
Frau v. Stein verbrachte eine unruhige Nacht. Sie lag in den Kissen, mit überwachten Augen, und immer wieder kehrte das Bild des jungen Landsmannes zurück, der sein Herz noch nicht vertan hatte. Ein Recht darauf gewinnen, es sich zu eigen machen und den Dank dafür suchen! Den Dank für den erneuten Frühling. War sie nicht jung und schön? Hatte er es nicht gesagt? Gesagt? Hinausgesungen fast in den Park! Er, der mit den Augen des unschuldigen Knaben und des kühnen Mannes sah. Und eine Sehnsucht hatte sie, eine Sehnsucht nach Liebe –
Sie breitete die Arme weit aus. Und plötzlich kreuzte sie sie über die Brust und ließ den erglühten Kopf auf die Schulter sinken.
Einen Tag noch, und die frommen Schwestern zu Florenz würden ihr die Tochter wiedergeben. – – Neue Sonne! – Sonne aber, die ihr das Abendrot zeigte … »Ada,« murmelte sie, und es klang wie ein Weinen.
Die Augen glühten in die Dunkelheit hinaus, daß sie einen Schmerz empfand, und die Gedanken wirbelten durcheinander. Tochter und Mutter. Das Recht der Jugend. Recht oder Unrecht: träumen und wäre es nur einen Frühlingstag lang. Wie kurz er ist. – –
Als Erkelenz am anderen Morgen im Frühstückszimmer saß und in den neuesten Journalen blätterte, wunderte er sich, daß Frau v. Stein so lange auf sich warten ließ, denn die Uhr schlug neun. Doch jetzt hörte er ihren Schritt. Aber sie kam die Treppe herauf! Sollte sie schon ausgewesen sein?
Frisch und blühend wie ein junges Mädchen trat sie ein, streckte ihm die Hand hin und entschuldigte ihr Säumen.
»Ich war baden,« sagte sie, »der Sommermorgen lockte zu gewaltig. Nun können wir auch sofort aufbrechen, wenn es Ihnen paßt.«
Sie löffelte eine Tasse Schokolade aus, und sie machten sich auf den Weg. Ein tiefblauer Himmel spannte sich über sie, und kein Lüftchen ging. Er hatte sich ihres Plaids bemächtigt und bot ihr, als sie aus der Stadt heraus waren und der Aufstieg begann, den Arm, den sie zuerst ablehnte, dann aber, als der Weg steiler wurde, nahm. Sie hing sich fest ein, bewegte in der Rechten lebhaft den kleinen Sonnenschirm und plauderte so lustig und angeregt, daß ihr Begleiter bald angesteckt wurde und es wieder beiden war, als kennten sie sich seit Kindheitszeiten und hätten sich nichts zu verschweigen. Immer schöner wurde der Tag, und sie blieben wahllos stehen und schauten in den Äther hinauf, um dem Flug eines Falken zu folgen, der im Sonnenglanz seine Kreise zog, oder zur Stadt hinab, die von den grünen Hügeln umgeben wie eine herrlich gefaßte Perle dalag. Dann lehnte sie sich fest an seine Schulter, und er empfand die Berührung als etwas Selbstverständliches. Nachdem sie in San Domenico einen kleinen Aufenthalt genommen hatten, folgten sie dem Bergpfad nach Fiesole, und in dem grünen Hohlweg bückte sie sich nach Blumen, haschte nach den bunten Schmetterlingen, die vor ihnen aufgaukelten, und plötzlich hob sie mit heller Stimme ein Liedchen zu singen an.
»Wie gut Ihnen das steht,« sagte er treuherzig. »Sie glauben nicht, wie wohl ich mich bei Ihnen fühle. Ich habe Glück, das müssen Sie sagen.«