»Ich schrieb dir, lieber Christoph, in einem früheren Brief über das Hungern und Dürsten der Volksmassen nach gesteigerter Bildung. Auch diesen Heiligenschein vermag ich heute nicht mehr über die Häupter der Vielheit zu halten, denn es wird auch hier mit Wasser gekocht, und die Vielheit liefert nur den Brand dazu. Ich habe die Volksversammlungen durchzogen und den Reden der Volksführer gelauscht, und wenn ich später die aufrüttelnden und erhebenden Worte mit den Wirklichkeitstaten verglich, so blieb es ein Häuflein, das nach besserer Geisteszufuhr, und ein Haufe, der nach besserer Magenzufuhr schrie. Nicht etwa nur aus Nahrungsnot, was verständlich wäre, sondern weil die Mehrheit die höhere Bildungsstufe eben im reicher beschickten Kochherd erblickt, und das seit alters her und wohl bis zum Jüngsten Tag, sofern wir nicht allmiteinander Engel auf Erden werden. Diejenigen aber, die die Menge aufrufen, benutzen sie nur allzuoft, um sich von ihr in die Höhe tragen zu lassen und durch sie eine Stellung zu erlangen, mit dem Kopf durch die Wand hindurch, die sich ihnen aus Rassen- und Klassen-Kinderstubengründen entgegenzustellen scheint. Also auch hier neben manchem reinen Kämpfer und edlen Schwärmer viel unsaubere Kittel. Grüß mir unseren jungen Rhein und unser Jugendland in den Bergen.« — — —

Therese Baumgart blickte angestrengt in die Ferne. Ihre Hände lagen fest gefaltet im Schoß.

»Das klingt — das klingt — wie ein leidenschaftlich Suchen, Christoph, und wie ein herumirrend Glücksverlangen.«

»Das Blut des Vaters und das Blut der Mutter liegen noch im Kampf in ihm, Therese. Da setzt es noch Wunden, und Verwunderungen zum mindesten. Aber das Blut der Frau Christiane wird schon obsiegen, wenn’s auch ein bißl lang für unsere Begriffe währt. Glaub’s mir, Theresel, ich kenn’ es, das Blut.«

»Du hast es ja selber mit der Muttermilch getrunken,« antwortete sie und reichte ihm, aufatmend, die Hand.


Es kam eine Zeit, in der der Opterberghof von Depeschenboten überlaufen wurde. Wenn es zu irgendeiner Unzeit am Haustor läutete und die Hofhunde ein gellendes Gebell anhoben, fuhr schon Frau Christiane lächelnd mit der Hand in die Wirtschaftstasche am Gürtel, um ein blitzblank Dreimarkstück für den noch ungesehenen Einlaßbegehrer hervorzuzaubern, denn sie wußte alsbald, was er brachte. Als erste meldete Therese Baumgart ihr glücklich bestandenes Staatsexamen. Wenige Wochen darauf wiederum Therese Baumgart ihre mit »gut« bestandene Doktorprüfung. Martin Opterberg und Christoph Attermann stellten sich in Drahtnachrichten fast gleichzeitig der Mutter als Regierungsbaumeister vor. Und über eine kurze Spanne traf eine zweite Drahtung Martin Opterbergs ein, die die Erreichung des Doktorgrades an der Universität Berlin für eine glänzend bewertete volkswirtschaftliche Abhandlung anzeigte. Diesmal hätte Frau Christiane vor freudiger Überrumpelung fast den Botentaler vergessen.

In einer Herbstnacht kam Martin Opterberg unangemeldet heim. Sechsundzwanzig Jahre zählte er jetzt und trug das kühngeschnittene Gesicht des Vaters. In seltsamer Bewegung schloß ihn Frau Christiane in die Arme. Und der Sohn gewahrte zum ersten Male im Auge der lebenssicheren und selbstsicheren Frau eine Träne.

»Mein junger Herr ist heimgekehrt,« scherzte Frau Christiane die Erschütterung hinweg …

Martin Opterberg hatte sich mit Christoph Attermann ein Stelldichein bei der Mutter gegeben.