Christoph Attermann kam am anderen Tage, und nach Stunden schon war es, als seien sie nie getrennt gewesen, und nur eine keusche Mannesherbe blieb in ihren Empfindungen zwischen ihnen. Gleich groß gewachsen, standen sie auf festen Füßen nebeneinander, und Frau Christianes Augen wanderten in geheimer Freude von dem scharfgeschnittenen Kopfe des Sohnes zu dem offenen Antlitz des Pflegesohnes, dem der kurzgehaltene blonde Vollbart wohlanstand.
Die jungen Männer besprachen ihre Lebenspläne. Beide hatten sie schon vorgesorgt. Christoph Attermann wünschte sich auf den Gebieten des Tief- und Hochbaus zu betätigen und hatte für den Anfang eine Anstellung beim Bau der gewaltigen Wasserkraftstauwerke im benachbarten Laufenburg angenommen, die er später mit einer Stellung an einem großen niederrheinischen Brückenbauwerk zu vertauschen gedachte. Martin Opterberg ging nach Holland, England und Amerika, um vornehmlich im Flußschiffbau tätig zu sein und gleichzeitig die Handelsbeziehungen zu studieren. Auch er hatte sich bereits den ersten Arbeitsplatz gesichert.
»Die Lehrjahre sind überstanden,« sagte Martin Opterberg, »nun folgen nach altem Zunftbrauch die Wanderjahre, Mutter, bevor man sich als Meister seßhaft machen darf.«
Frau Christiane sprach nicht hinein. Das war das Mutterschicksal, daß man die Kinder in der besten Zeit hergeben mußte, um sie erst wieder zu haben, wenn’s zu Tale ging. Nein, keine Selbstsucht. Das Leben kennt nicht eine Mutter und nicht ein Kind, es springt von Geschlecht zu Geschlecht. Und Mutterselbstsucht ist wie ein Fluch.
Von der Rheininselstadt des heiligen Fridolin, dem Trompeterstädtchen Säckingen, bis nach den zischenden und strudelnden Stromschnellen im Felsenbett von Laufenburg streiften die beiden Brüder und Freunde noch einmal gemeinsam ihr Jugendland ab. Schon am zweiten Tage baten sie Frau Christiane, mitzuwandern. Das tat sie mit Freuden. —
Und wieder war Martin Opterberg in die Welt, in die es ihn, wie einst seinen Vater, zog. Doch wanderte er nicht wie Herr Arnold mit schwärmenden Augen und müßigen Händen, er wanderte mit klarforschenden Blicken und arbeitsregen Armen, und nach Jahresfrist setzte er von Rotterdam über den Kanal nach England, und wieder nach Jahresfrist von England über den Atlantischen Ozean nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Seine Briefe an Mutter und Freund wurden mehr und mehr wie Berichte eines Handelskonsuls, und waren sie zwischen den beiden ausgetauscht, so schickte sie Christoph Attermann, der den Strombau zu Laufenburg nun auch schon seit mehr als einem Jahr mit dem Bau von Brücken und Werftanlagen in dem großen niederrheinischen Werk vertauscht hatte, an Therese Baumgart, die als Ärztin an einer badischen Kinderheilanstalt wirkte. Die kleine Linde aber war, zum Jungmädchen erblüht, nun ganz das Abbild der Schwester geworden, nur heiterer und zugreifender, denn sie lebte als Hilfe und Hausgenossin an Frau Christianes Seite.
Im Sommer des vierten Jahres landete Martin Opterberg in Bremen. Von Köln aus nahm er den Rheindampfer, und als er durch den taghellen Sommerabend die gesegneten Ufer des Rheingaus entlang fuhr und die Namen der Weinstädte von den Tafeln der Haltestellen las, überkam den in Arbeit Gehärteten eine so weiche und sehnsüchtige Stimmung, daß er seinen Reiseplan änderte und beim nächsten alten Städtlein den Dampfer verließ. Hier mußten, dem letzten Briefe Sabines nach, jetzt die Barthelmeßleute hausen. Es zog ihn, das Mädchen zu sehen und ihm einen Gruß zu bieten.
Der Professor war zu einem Abendtrünklein, und die Frau war gegangen, um ihn abzuholen, erläuterte ein knapp der Schule entwachsenes Dienstmädchen, das ihn eintreten ließ. Das Fräulein wolle sie suchen gehen. Martin Opterberg schaute sich im Zimmer um. Es war in einer Unordnung, als ob man es morgen wieder zu verlassen gedächte. Er lenkte den Blick ab. Die Tür war gegangen. Und auf huschenden Füßen kam es herein, ein vollerblühtes Geschöpf, dem die schwarzen Locken um die Stirn und die weißen Gewänder um die Glieder flogen, warf sich an seine Brust, umstrickte ihn in den Armen, küßte ihn mit stürmischen, wilden und weichen, tollmachenden Küssen.
»Martin, mein Martin! Lang hast du mich warten lassen! Vergangen bin ich schier! Nun bist du gekommen, und ich vergeb’ dir, verzeih’ dir und hätt’ noch hundert Jahr auf dich gewartet. Aber gut ist’s, daß du gekommen bist um all der vielen Sehnsucht willen.«
»Mädchen! Sabine! Reiß dich zusammen, Kind!«