»Weshalb soll ich mich zusammenreißen? Du siehst es ja nur allein, und vor dir darf ich sein, wie ich bin. Vor dir hab’ ich kein Geheimnis, auch kein Mädchengeheimnis. Du hast es mir ja entlockt, damals schon, an dem Abend zu Rüdesheim, als ich noch ein halbes Kind war und du mich warten hießest!«
»Tat ich das? Mir sind an dem ereignisvollen Abend die Sinne durcheinandergeraten.«
»Grüble nicht mehr. Es ist ja alles gut. Und nun schau auch du mich einmal an, Martin.«
»Du bist geworden, was du zu werden versprachst. Wie eine der fremden wildduftenden Blüten, die ich zuweilen im Rankengeflecht des Urwalds fand. Aber Haar und Kleid sind zerzaust, Sabine.«
»O du Schulmeisterlein! Ich schwamm im Rhein, als mich die Kleine rief, und da bin ich in die Kleider geschlüpft, wie’s kam, und hab’ die Haare flattern lassen, wie sie wollten, nur um eine Minute früher bei dir zu sein. Oder hätt’st du eine Fischblütige lieber gemocht, die erst zur Haarkünstlerin und zur Kammerzofe gewandelt wär’? Ich weiß es nicht, und wußt’ nur das eine: Ich muß zu ihm, wie ich geh’ und steh’, und jede Minute ist mir geschenkt.«
Und der Langentwöhnte spürte den weichen Frauenkörper und spürte den wilden Zauber der Stunde, und er schloß die Augen und küßte wie ein Verdursteter die Lippen, die die seinen suchten.
Draußen polterte der Professor, der mit seiner Gattin heimkehrte. Er stand im Türrahmen und klatschte in heller Verwunderung die Hände zusammen, obschon das kleine Dienstmädchen ihn hatte holen und benachrichtigen müssen. »Der Martin! Mein junger Freund Martin! Der Sohn meines unvergeßlichen Arnold Opterberg.«
»Vater,« stieß Frau Bathelmeß atemlos hervor. »Was haben die Kinder?«
»Ja,« wiederholte der Professor staunend, »was habt ihr denn, Kinder?«
»Unsere Verlobungsstunde haben wir!« rief Sabine Barthelmeß und wühlte ihren Kopf an des Erkämpften Brust.