»Nein, die vergessen wir nicht, und auch den dritten im Bunde nicht, der sich jetzt in Berlin herumquält.«

»Quält er sich —?«

Dann nahm Christoph Attermann wohl die Briefe Martin Opterbergs hervor und las, während sie auf einem einsamen Waldhügel lagerten und doch die Fülle rheinischen Lebens vor Augen, der Horchenden manche halbe Stunde, bis ihr alle Examensnöte klein erschienen.


»Im zweiten Jahre hause ich nun in dieser brausenden Stadt, die so reich ist und so arm. So reich an geistiger Schöpferkraft in Kunst und Wissenschaften, daß man nicht weiß, woher die Eimer nehmen, um zu schöpfen, und so arm hinwiederum an geistigem Lebensbedarf großer Menschenherden, daß oft ein Becherlein genügt, um ihn auszuschöpfen. Ich meine nicht die Bildungsbestrebungen des arbeitenden Volkes, das nach all den Schätzen hungert und dürstet, die die sich höher veranschlagenden Kreise meist nur wie Spielzeuge auf der Festtafel liegen haben, um sie bei guter Gelegenheit zum Ballspiel zu benutzen. Weshalb kein Ausgleich hier und keine Vertiefung dort, da die Quellen überreichlich springen? Es ist die Stadt der Unausgeglichenheiten, und ich stehe mit meiner eigenen mitten darin.« — — —


»Einen ganzen Winter hab’ ich an Gesellschaften hingegeben. Ich wollte die Seele der höheren Menschheit kennen lernen, und war fast immer falsch am Ort. Die Seelen, die ich suchte, finden sich wohl nur auf den stillen Gelehrtenstuben und in den Arbeitsräumen der Handelsherren, der Erfinder und Insichgewendeten. Auch wohl in den alten preußischen Beamten- und Offiziersfamilien. Ich suchte das höhere Berlin auf, das sich so stolz und überheblich ›das ganze‹ nennt, und da ich ein guter Tänzer und kein schlechter Unterhalter bin, so habe ich rund ein halbes hundertmal den Frack getragen, und ein halbes hundertmal von Silber gespeist und den Sekt aus Kristallschalen getrunken, und ein halbes hundertmal dieselben Gesichter betrachtet. Denn das scheint mir eines der bemerkenswerten Kennzeichen dieses höheren Berlins, daß man wohl allabendlich in einem anderen Hause tafelt, aber immer mit demselben halben Hundert Menschen, die nur umgruppiert werden, damit dieselben Scherze nicht an dieselben Hörer gelangen. Stark ist die Börse vertreten, und der Schnitt mancher Gesichter weist östlich. Und nicht nur der Gesichtsschnitt. Es ist der Ton, der die Musik macht, und der Ton läßt — wenigstens im Lichte unserer Kinderstuben — oft doch gar zu sehr zu wünschen übrig. Er ist nicht als unmöglich zu fassen — er entgleitet — und gleitet über Oberflächen — und läßt Schaumblasen zurück. Darin sind Männer und Frauen geistesverwandt. Man spricht vom Theater, von der Kunst, von Politik und Wirtschaftsleben, Tollkühne auch von der Wissenschaft — und endigt unweigerlich bei der Liebe. Der Rest ist ein Stelldichein.« — — —


»Wir haben daheim des öfteren darüber gesprochen, daß die rheinische Menschheit nur allzugern über ihre Verhältnisse lebt. Im Lande des Weines macht es die Begeisterung, das heißere Blut, und bleibt verständlich und leichter verzeihlich. Hier in Berlin ist es kaltblütigste Berechnung, mehr zu scheinen und reicher zu erscheinen, als man ist, um der lieben Mitwelt Sand in die Augen zu streuen, um bessere politische oder Handelsgeschäfte zu machen, um den Heiratsmarkt für die Töchter günstiger zu gestalten oder sich für alle Fälle und Zwecke in empfehlender Erinnerung zu halten. Dieses fettige Leben frißt wie ein Ölfleck um sich und ergreift Familien, die nicht über die notwendige Kaltblütigkeit verfügen und in dem Bestreben, gleichwertig geschätzt zu werden, die übertriebenste Gastlichkeit in gleicher Münze erwidern, schnell aber von Schulden und Unzuträglichkeiten aller Art aufgerieben und zu Tode gehetzt werden. Denn das ist ja das wirtschaftlich Gefahrdrohende bei solcher Lebensgestaltung, daß gerade der Nichtbesitzende den Wert des Geldes nicht mehr empfindet und zum Abenteurer wird, statt zum Werteschaffenden. Ich erblicke in der Ausbreitung solchen Wesens für unsere völkische Gesundheit eine weitaus schwerere Gefahr als — sagen wir — selbst in einem unglücklich endenden Krieg. Der verlorene Krieg geht an die Knochen; dies undeutsche Wesen aber geht durch die Knochen hindurch an die Seele.« — — —