Die Blutwelle stieg. Er wollte sie niederhalten, und sie stieg doch. »Ich bin ein verlobter Mann,« sprach er zu sich selber, »und werde in Kürze ein Weib haben. Weshalb sollte ich anderen Menschen nicht ein Glück gönnen, das ich mir genommen habe, ohne die anderen zu befragen?«

Einen Augenblick preßte er die Lippen zusammen. Vor zwei Tagen erst hatte er Christoph Attermann gerufen, um den Bruder und Freund als ersten in die neue Stunde seines Lebens einzuweihen. War Christoph Attermann zu dieser Zeit schon mit Therese Baumgart im Einverständnis gewesen? Fort, fort mit der schlecht passenden Eifersuchtregung. Wahrhaftig, wenn etwas nicht am Platze war, so war es eine solche. Eine Scham war am Platz, und weil er sie unausgesprochen in tiefster Tiefe verspürte, bäumte sich der Groll in ihm auf wie in selbstherrlichen Knaben, die einen Verweis fürchten. Hier war der Verweis. Und war er der Knabe?

Er strich sich über die Augen und gewann sich wieder. Plötzlich sah er ganz klar. Plötzlich erkannte er die Beweggründe Christoph Attermanns in aller Schärfe. Christoph Attermann hatte der Freundin der Jugend eine ritterliche Genugtuung bereitet.

Das war es. Es gab keine Vergessene oder gar Verschmähte, es gab eine Frau, die ihr ruhiges Glück der Welt künden konnte, bevor die Welt von dem seinen wußte.

Er nahm Hut und Stock, um das Barthelmeßhaus aufzusuchen. Und während er hinüberschritt, klang das Rauschen des Rheins zu seinen Füßen ihm nur fern, und ganz nah klang ihm das Rauschen des Schwarzwaldes, und es war das Herzogenhorn, und im Tiefblau des Sommerabends saß ein Mädchen in weißem Kleid und hielt, singend und träumend zugleich, die Wange an den bebänderten Lautenhals geschmiegt.

»Du bist die Ruh’, der Friede mild,

Die Sehnsucht du und was sie stillt« — — —

»Ei,« grüßte im Hausflur Sabine Barthelmeß den in Gedanken Verlorenen, »hast du mir ein neues Gewand ausgedacht oder gar einen Schmuck zum feierlichen Verlobungstag auf dem Opterberghof?« Und sie schlang ihm die Arme um den Hals und küßte ihn weitoffenen Auges.

»Zieh ein weißes Kleid an und leg ein Lautenband um, Sabine. Mehr brauch’ ich nicht.«

»Herr Doktor, sein Sie munter,« rief das Mädchen und griff ihm übermütig links und rechts ins Haar. »Das ist ein Anzug für Sonntagswanderer und kleine Studentinnen, nicht für die stolze Braut Martin Opterbergs. Ach du, wie wirst du die Augen öffnen.«