»So halt’s auch fürderhin dabei, Kind, zugunsten des Martin.« Sie blickte zu ihrem Sohn hinüber. »Vor wenig Tagen hat mir der Christoph seine Verlobung angezeigt. Mit der Therese Baumgart. Das geht wieder einmal daher und einander auf den Fersen wie bei euren Staats- und Doktorprüfungen. Ei, was ist mit dir, Martin?«
»Die Therese ist hier? Sie ist mit dem Christoph gekommen?«
»Sie sitzt auf einem Schwarzwaldgipfel und heilt die kleinen Menschenkinder.«
»Mutter, du planst eine Überraschung. Ich hätt’ sie dir nicht verderben sollen. Gerad sah ich die Therese Baumgart durch den Garten gehen. Durch die Fenster sah ich sie.«
»Du bist durch die Welt gerannt, und die Jahre sind mit dir gerannt, ohne daß du es merktest, Martin. Das Theresel ist eine liebe und ernste Frau, und was dort im Garten wandelt, ist ihr Schwesterchen, das Lindele, und mein Hausschatz. Such dir dein Bubenzimmer, Martin. Ich zeig’ der Sabine unterdes ihre Unterkunft. Und in einer Viertelstund’ sind wir bei Tisch.«
Selbst Frau Christiane mußte sich gestehen, daß Sabine Barthelmeß ihre Sach’ verstand. Das lachsfarbene Kleid mit dem langen, schmalen Halsausschnitt, in dem Sabine zu Tisch erschien, stand in köstlichem Zusammenklang zu dem südländisch getönten Kopf und dem tiefdunklen Haar, das überall eine Locke vorschickte wie im Dunkel tastende Fragen. Die Vertraulichkeit aber, mit der das Mädchen sich gleich im Hauswesen bewegte und der Hausfrau in ihren Verrichtungen bei Tisch begegnete, empfand Frau Christianes weiblicher Sinn als eine leise Vordringlichkeit, die sie gern gemißt hätte.
»Laß dir gefallen, daß die Linde und ich dich bedienen,« sagte sie freundlich. »Du bist hier der Gast, den wir wohl zu versorgen gedenken, und es bleibt bei der Gewohnheit. Lindele, eine Tasse Tee wär’ mir lieb.«
Linde Baumgart hatte die Vorstellung bei Tisch mit einem mädchenhaften Knix erwidert. Nun saß sie still und aufmerksam lauschend in ihrer weißen Hemdbluse, die ein langes, grünes Schlipsband farbenfroh belebte, und nur zu Anfang blickte sie verwundert auf, wenn die fremde junge Dame sie bei Vornamen rief und ihr das »Du« gab, während sie doch schicklich mit Fräulein Barthelmeß erwiderte.
Auch Martin Opterberg empfand die Betonung der jungen Dame gegenüber dem jungen Mädchen bei Sabine als eine leichte Anmaßung, die er durch besonders höfliche Anreden zu verbessern trachtete.
»Ich habe Sie für Ihre Schwester Therese gehalten, mein gnädiges Fräulein. Die Mutter hat’s Ihnen wohl schon verraten. Sie sind ihr so gleich, als wären die langen Jahre zwischen heut und damals, als ich Ihre Schwester das erste Mal zu Freiburg sah, ausgewischt.«