Er lächelte über ihren mädchenhaften Eifer, und die Sonne stand noch auf seinem Gesicht, als er ins Zimmer trat und die Braut begrüßte.
»War es nicht arg selbstlos von mir, Martin, dir ein so hübsches Mädchen zum Morgengruß zu schicken?« fragte Sabine Barthelmeß lachend, während sie ihren Verlobten zwei-, dreimal auf den Mund küßte. »Dafür hast du die nächsten Stunden nur mir allein zu widmen. Auf, zum Rhein!«
»In dem Morgenkleidchen und dem wilden Haarknoten?«
»Beruhige dich, Liebster, ins Wasser geh’ ich nicht mit dem Kleidchen, o nein, und das Haar wird doch nur zerzaust beim Baden und wird erst würdig hergerichtet, wenn ich herauskomme und mich feierlich für den Tag anzieh’.«
»So komm, du Wilde. Es ist spät genug.«
In seinen Arm eingehängt, schlenderte sie durch die Wiesen, und wenn er sich während des Plauderns zu ihr hinabbog, küßte sie blitzschnell sein Ohr. Dann hatten sie den verschwiegenen Badestrand erreicht und suchten im dichten Weidengebüsch nach undurchsichtigen Umkleideplätzen.
»Du darfst ruhig zuschauen, Martin. Ich hab’ das Badegewand gleich untergezogen und brauch’ nur aus dem Kleid herauszuschlupfen. Also hilf mir heraus.«
Kein Mensch weit und breit. Kein anderer Laut in der Sommerhitze als das Murmeln des Uferwassers. Martin Opterberg strich ihr das Kleid von den Schultern und glaubte, ein fremdes Wesen aus sagenhaft-schwüler Wasserfrauenzeit zu sehen. Schlank und voll stand Sabine Barthelmeß im enganliegenden schwarzen Gespinst, das das elfenbeinfarbene Weiß der Glieder zum irrlichternden Leuchten brachte, und dehnte wohlig die Arme. »Rühr mich nur an, ich brenne nicht, ich bin kühl wie ein Trunk im Sommer.«
Da nahm er sie in die Arme und küßte die kühlen Schultern und den kühlen Nacken, und sie entglitt ihm wie eine geschmeidige Otter und war unter Wasser verschwunden. Wenige Minuten nur, und er hatte den Badeanzug angelegt und war ihr nach. Und es wurde ein Fliehen und Haschen, ein Suchen und Sichfindenlassen und ein Ausruhen Seite an Seite am verborgenen Strand, daß die Stunden vergingen und sie fast zu spät zum Mittagessen kamen. Linde Baumgart mußte helfen, daß die wilde Wasserfrau auf raschestem Wege in eine zeitgemäße Tischgenossin umgewandelt wurde, und sie tat es ohne Zieren und Zögern, weil es einem Gast des Opterberghofes galt. Martin Opterberg aber hatte an diesem und den kommenden Tagen nur noch Augen für seine Braut.
Alle Schönheiten des Landes wünschte er ihr zu erschließen am jungen brausenden Rhein und in den himmelhochjauchzenden Schwarzwaldbergen, aber was sie nicht, bequem in den Wagen zurückgelehnt, besichtigen konnte, darauf verzichtete sie bald, und als er sie weiter hinausführte bis zum Hohentwiel und auf Herzogin Hadwigas ragende Sehnsuchtsburg, da fand sie nichts Bemerkenswertes als den heißen Aufstieg, und in der Wunder erschließenden Fernsicht über See und Alpenketten nichts als die Mahnung, schleunig zu dem Wunder verheißenden Seegestade hinabzusteigen. Hier aber war ihr Überlingens mittelalterliches Gassengewirr zu eng und Meersburgs abenteuerliches Frankenkönigsschloß zu felsenhoch, auch den Besuch des steilgelegenen Friedhofs mit Annette v. Droste-Hülshoffs stillem Grab schlug sie dankend aus, denn von Deutschlands großer Dichterin und Seelenforscherin wußte sie kaum den Namen. In Konstanz atmete sie auf, und in den üppigen romanischen Dominikanerhallen des Inselhotels gefiel sie sich über die Maßen so sehr, daß Martin Opterbergs stolze Ruhe selbst ins Wanken kam, weil sie mit Willen die Blicke und flüsternden Gespräche der Umsitzenden auf sich zog.