»Herrgott noch einmal, ich glaub’, daran haben wir alle beid’ nicht gedacht, nicht die Sabine und nicht ich.«
»Und der Herr Professor Barthelmeß und die Frau Professor noch weniger. Du siehst, die Tausender, die du mit über See gebracht hast, haben schon ihre Bestimmung gefunden.«
»Mutter,« sagte Martin Opterberg und erhob sich, »du magst die Barthelmeßleute nicht, und mir geht’s nicht viel anders. Aber die Sabine kann nichts dazu zu der heillosen Wirtschaft. Sieh doch, wie alles an ihr wie bei einem Kinde nach der Sonne verlangt. Gefällt sie dir nimmer, die Sabine?«
»Nein, Martin,« erwiderte Frau Christiane ruhig, »ich fürchte nichts für dich von deiner Ehe, wenn es dir gelingt, die Sabine zu dir hinaufzuziehen und nicht zu ihr hinabzusteigen. Schön genug ist sie, um einem Manne Freud’ zu schaffen. Und das ist nicht wenig für ein Arbeitsleben wie das deinige. Glück auf, Bub’.«
Noch einmal kehrte Martin Opterberg in dem Rheingaustädtchen ein, um Sabine Barthelmeß zu ihren Eltern zurückzubringen. Denn Sabine hatte auf dem Wunsch bestanden, ihre Aussteuer unter dem künstlerischen Auge des Vaters zu wählen und nicht unter dem sachkundigen der Frau Christiane Opterberg. Die Summe, die ihr ihr Verlobter, als müsse es so sein, zur Verfügung stellte, löste bei ihr so helles Entzücken aus, daß Martin Opterberg es gern für den vergessenen Dank gelten ließ. Der Professor aber schüttelte, als er sie vernahm, bedächtig das Haupt und meinte, man werde immerhin rechnen müssen, aber er kenne ja gottlob die Quellen. »Eure Verlobung,« teilte er dem Schwiegersohn im strengsten Vertrauen mit, »hat unerwartete Ansprüche auch an meine Tageskasse gestellt, denen sie vorübergehend nicht gewachsen ist. Es würde eine Annehmlichkeit für mich bedeuten, wenn du mir mit tausend — nein,« sagte er, als Martin Opterberg nach der Brusttasche griff, »es geht nicht — wenn du mir mit zweitausend Mark über die unvorhergesehene Zeit hinweghelfen könntest.«
Die alten Werftanlagen und ausreichendes neues Gelände dazu waren erstanden. Weit genug entfernt, um dem Lärm des Werkes enthoben zu sein, und doch nahe genug, um es in wenigen Minuten zu erreichen, füllte sich ein schmuckes, kleines Landhaus mit ausgesuchtem Hausgerät. Man mußte es dem alten Kirchenbauer Barthelmeß lassen: sein Geschmack war erlesen und seine Spürgabe unübertrefflich. Aus allen Jahrhunderten schleppte er Schränke und Truhen, Schmucktische und Lehnstühle, Teppiche, Bilder und Stiche zusammen, daß es zuerst den Anschein gewann, als solle ein großes Trödellager aufgestapelt werden. Aber der Professor kam selbst, und nachdem er über den Baustil des Hauses eine Zeitlang mitleidsvoll das Haupt geschüttelt hatte, nahm unter seinen Händen der Trödelkram bald den Glanz und die Stimmungshoheit uralter geschichtlicher Überlieferung an, und jedes Zimmer war in die Versonnenheit einer anderen Zeit verwoben. Die Überraschung aber hatte sich der alte Kenner für das Schlafzimmer aufgespart: ein Renaissancelager von breiter Ausladung, von einem Baldachin beschattet, mit teppichbelegten Stufen zum bequemen Einstieg versehen. »Das Gestell hab’ ich einem Bauer im Fränkischen abgeschwatzt,« gestand der Kunstprofessor händereibend. »Ich hab’ ihm dafür zwei schöne Bettladen mit Muschelaufsatz und einen mannshohen Stehspiegel auf Rollen angehängt. Da herrschte große Freude.«
Auf dem Opterberghof wurde die Hochzeit gehalten. Acht Tage vorher hatte Christoph Attermann in aller Stille Therese Baumgart heimgeführt, und Linde Baumgart, die Schwester, war vorausgeeilt, um das junge Nest zu schmücken, bis das Paar von seiner kurzen Ferienfahrt heimkehren würde.
Martin Opterbergs Stirn überzog sich, als er die Botschaft vernahm. Das kam einem Ausweichen gleich. Oder sollte es nur eine Feinfühligkeit der Freunde sein, die seinen Augen eine Schaustellung ihrer frohen Liebeserwartung entziehen wollten? Immerhin: auch Christoph Attermann hauste, als Betriebsleiter des Brückenwerkes, am Niederrhein, und ein öfteres Zusammenkommen war geboten. Weshalb da erst Gefühlsanwandlungen nachgeben —?
Am Tage, an dem Christoph Attermann mit Therese Baumgart Hochzeit hielt, stand Martin Opterberg im Garten seines Landhauses am Niederrhein und horchte über die breiten Strommassen rheinauf, ob er ein Gläserklingen vernehme oder einen zitternden Lautenklang …