Martin Opterberg hatte sich in Jünglingsträumen seine eigene Hochzeit anders ausgemalt, als sie sich gestaltete. Und auch Sabine Barthelmeß hielt mit ihrer Unzufriedenheit über die kleinbürgerliche Familienveranstaltung nicht zurück.
»Meinen Vater und meine Mutter und meine hochverehrten Herren Brüder vermag ich alle Tage zu sehen, wenn’s mich danach gelüsten sollt’. Weshalb lädst du nicht deine Freunde von der Universitätszeit, die doch alle in so glänzende Verhältnisse hineingeheiratet haben, daß ein Verkehr lohnt? Wenn der Christoph Attermann auf eine glanzvolle Feier verzichtet, so ist das seine Sach’ und hat wohl mehr eine ›klingende‹ Ursach’. Wir brauchen ihm das gottlob nicht nachzumachen.«
»Du bist wie ein junger Jagdhund,« sagte Martin Opterberg und strich ihr lächelnd über das erhitzte Gesicht, »weißt du, wie so ein junger, ungelernter Springinsfeld, der gleich von dem grauen Häslein abläßt, wenn vor ihm ein schillernder Fasan aufgeht.«
»Du mußt mich führen, Martin,« erwiderte sie und drückte sich ganz weich in seinen Arm.
Ein halbes Dutzend Gäste saßen außer dem Brautpaar an der Hochzeitstafel, und es war ein Geschrei wie auf dem Jahrmarkt. Wohl hatte Vater Barthelmeß unter Schluchzen eine gefühlvolle Rede gehalten, in der er die Wunderblume seines künstlerischen Lebens und Schaffens, die er bei Tag und bei Nacht gehegt und gepflegt habe wie kein anderer Vater auf Erden, mitsamt ihren selbstlosen Eltern der Liebe und dem Verständnis des neuen Sohnes anempfahl, und Frau Hadwiga Barthelmeß war in Tränen gebadet. Die drei Barthelmeßbrüder aber, die ohne ihre Frauen gekommen waren und von denen niemand recht wußte, mit wem sie eigentlich verheiratet waren und ob die Kunst, der Handel oder der Müßiggang ihre Hauptbeschäftigung darstelle, hatten sich bei den brustwarmen Worten des Vaters verständnisvoll mit den Augen zugeplinkert und beim Hoch auf das Brautpaar ein groß Hallo und Gläserleeren begonnen, auch Rundgesänge erhoben und im wilden Durcheinander ungescheut Liebesschwänke und Ehegeschichten zum besten gegeben, daß Frau Christianes Stirn sich leise rötete und ihre Augen immer ferner zu blicken schienen.
»Sabine,« raunten die Brüder der abschiednehmenden Schwester zu, »wie steht’s mit dem Reisegeld? Wir sind doch zu deinem Vergnügen gekommen und nicht zu dem unseren.«
»Ich hab’s schon dem Vater für einen jeden von euch eingezahlt.«
»Dem Vater? Das ist ein netter Spaß. Aber er soll uns nicht durchschlüpfen, der alte Festredner.« —
Sabine Opterberg thronte in ihrem Landhaus am Niederrhein. Selbst ihr glücklicher Gemahl wußte kein besseres Wort für die königliche Haltung zu finden, mit der sie ihren Platz als Herrin des Hauses einnahm. Sie schritt über die Teppiche, als sei sie Zeit ihres Lebens nur über persische Handgewebe dahingeschritten, und sie erteilte ihre Befehle an die zwei Dienstboten, als ständen hinter den zweien noch ein Dutzend unsichtbare. Daß die hohe Herrin, wenn der Herr des Hauses mit gedankenheißer Stirn auf seiner Arbeitsstätte weilte, daheim stundenlang und vertraulich mit ihren Mädchen plauderte und sie ihre Schätze bewundern ließ, das hätte Martin Opterberg nie geglaubt.
Kehrte er heim, so flog sie ihm wie ein sehnsüchtig Kind entgegen, erstickte ihn mit ihren Liebkosungen und ließ ihn im Taumel vergessen, was ihm hätte mißfallen können.