Bald füllte sich das Haus mit Gästen. Werksherren aus der Umgebung kamen mit ihren Damen, um die Pflichtbesuche der Opterbergs zu erwidern, die Jungen folgten nach, und mancher Geschäftsfreund stellte sich ein und nahm seinen Platz am künstlerisch gedeckten Tisch. Dann saß Sabine Opterberg beobachtend in der Runde, und keine Bewegung, kein Tonfall entging ihr, ohne daß sie ihn prüfte und sich zu eigen machte.
»Du hast ja deinen Kehlkopf mit einemmal anders eingestellt,« verwunderte sich der Hausherr. »Willst du dich über deine Gäste lustig machen?«
»Ich habe nie anders geredet als heute,« erklärte die junge Frau und hob das Kinn.
Martin Opterberg schüttelte den Kopf. Kindereien, dachte er, sie läßt sich vom ungewohnten Schein blenden. Aber bald mußte er, wenn auch zögernd und widerwillig, erkennen, daß die Blendversuche allein von Sabine ausgingen und daß sie die Kunst, die Blicke auf sich zu lenken, stärker noch und erfolgreicher übte als ehemals in der vornehmen Allerweltsgemeinschaft des Konstanzer Inselhotels.
Die leichte Aufdringlichkeit, mit der sie sich den Menschen und Dingen zu nähern und sich ihrer zu bemächtigen pflegte, war einem merkwürdigen Schlangengleiten gewichen. Plötzlich konnte sie die Augen aufschlagen und einem Herrn starr und verloren ins Gesicht blicken. Wurde er unruhig, so senkten sich langsam die schweren Lider, und der verlorene Blick wurde zu einem verlorenen Lächeln. Ein jeder fühlte sich besonders geehrt, und bald machte ein jeder sie zur stillen Vertrauten seiner geheimsten Empfindungen, ohne zu ahnen, daß er nur tastende Neugier auffütterte.
Oft auch ließ sie im Tischgespräch im Eifer der schönen Worte ihre Hand auf der Hand des Nachbarn ruhen, bis sich das Gesicht des Mannes dunkel färbte und er die Hand wie zur Prüfung der Absonderlichkeit krampfte. Dann saß sie mäuschenstill und dehnte den Augenblick. Oft aber auch forderte sie dreist und mit keckem Wort heraus, wenn sie fühlte, daß einer anderen höher und feiner gestimmte Wesensart sie in den dunklen Hintergrund drängte. Und die Männer hielten für berauschenden Übermut, was nichts als wohlverkappter Neid war, der Neid einer Frau, die nur einen Körper zu bieten hat und nicht eine Seele.
Zögernd nur und widerwillig erkannte es Martin Opterberg, und da er selbst unter dem Rausch dieser erdhaften Weiblichkeit stand, mußte er sich fast Gewalt antun, um den Blick klar zu behalten. Und er sah, wie Sabines Freude an einem Jüngling, der über keine anderen Vorzüge verfügte als über seine geradegewachsenen Glieder, ebenso groß war wie an einem reifen Manne, dessen überlegener Geist die Umgebung beherrschte. Und als er es erkannt hatte, glitt der Nebel des Rausches mehr und immer mehr von seinen Augen, und er sah, wie es sie triebhaft drängte, das Wohlgefallen eines jeden Mannes zu erregen, der drinnen oder draußen in ihren Sehkreis trat. Mit niederen Evakünsten. Mit dem Spiel ihres weichen, geschmeidigen Körpers. Denn über ihn hinaus, das war seine letzte Erkenntnis, hatte sie nicht viel einzusetzen.
Für den Sohn der Frau Christiane Opterberg war diese Erkenntnis wie ein Fremdkörper im Blut. Er versuchte ihn wie einen unreinen Gedanken auszuscheiden. Aber das wach und scharf gewordene Auge ließ sich nicht mehr bestechen. Im Zeichensaal, auf dem Werftplatz, mitten in der gesteigerten Arbeit ließ er die Arme sinken und horchte in sich hinein und horchte hinaus, um ein Wort zu finden, Sabine Opterberg anzurufen in ihrer Nachtwandelei. Aber wie konnte ein ehrenhafter Mann mit seiner Frau über Dinge rechten, die im Gefühle lagen und nicht greifbar waren?
Er wartete und wartete, in der Hoffnung, es seien Schlacken gewesen, deren der Feuerstrom bald genug ausgeworfen haben würde, um zur reinen Flamme zu gelangen.
Englische Geschäftsfreunde kamen zu Gast, die die deutsche Sprache gut beherrschten. Mit Staunen vernahm Martin Opterberg, wie Frau Sabine die deutsche Sprache radebrechte, um die Ausländerin zu spielen, und auch die fremden Gäste vernahmen es verwundert.