Sie sah sein weißgewordenes Gesicht, den Feuerbrand in seinen Augen, und wußte, es gab kein Entrinnen.

»Wir hatten bei Tisch eine Doppelmandel gegessen, ein Vielliebchen. Hätte er’s verloren, ich hätt’ einen kostbaren Strauß Orchideen gewonnen. Ich wollt’ kein Geld oder Geldeswert wagen und setzte einen Kuß. Und hab’ wahrhaftig verloren.«

Die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück, die Drohung schwand aus den Augen.

»Unterlaß das zukünftig, bitte. Ich liebe keine mitgeküßten Lippen. Ich trinke auch nicht aus einem Glase, das reihum geht.«

»Martinle, Martinle, nicht bös’ sein über dein dumm Maidli.«

Sie hing sich in seinen Arm und löste sich während des Abends keinen Schritt von ihm. Aus den Augenwinkeln streifte ihn immer wieder ihr beobachtender Blick, und als sie allein waren, überschüttete sie ihn mit ihren Zärtlichkeiten.

»Mein — mein — mein Martin.«

Aber die in eisernen Jahren gefestigte Ruhe war in Martin Opterberg dahin. In den Nächten fuhr er auf, und alles in ihm war ein Lauschen. Dann zwang er sich mit aller Kraft, anderer Bilder zu gedenken, und er sah die Schwarzwaldberge und auf dem Herzogenhorn ein weißgekleidetes Mädchen zur Laute singen in der tiefblauen Sommernacht, die Freunde ringsum. ›Ich will zu Christoph und Therese gehen, um einen Blick in ihr Heim und in ihr Herz zu werfen‹, nahm er sich vor, ›und zu den alten Jugend- und Wanderfreunden.‹ Aber wenn es Morgen wurde, wußte er nicht, was er selber berichten sollte von sich und seinem Glück, und es blieb, wie es war.

So verging Martin Opterbergs erstes Ehejahr.

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