»Aber die Rechnungen stammen, wie du mir zu erzählen beliebtest und wie die Zeitangaben auf diesen Papieren bestätigen, aus einer Verlobungszeit Sabines vor vier Jahren. Von dieser wußte ich in der Tat nicht, was wohl meine Zahlungssäumigkeit einigermaßen entschuldigt.«
Martin Opterberg faltete die Papiere wieder zusammen und reichte sie dem alten Herrn zurück. Ein wenig betreten strich sich Professor Barthelmeß den Graubart. Dann versuchte er ein lustiges Lachen.
»Martin,« rief er und schlug dem Stillbrütenden aufs Knie. »Martin, du kennst die Weiberchen nicht. Natürlich hat sie nur auf dich gewartet, sehnsüchtig sogar, verliebt wie keine zweite. Aber du bliebst jahrelang weg, zuletzt noch drüben überm Meer, und ließest nur gelegentlich von dir hören und so sparsam, daß kein Mensch herausfinden konnte, ob du noch warm oder schon kalt warst. In solchen Fällen pflegen unsere klugen Weiberchen zwei Eisen ins Feuer zu legen. Aber als du heimkehrtest und Ernst machtest, wurde das eine natürlich sofort wieder hinausbefördert.«
»Gemein …« stieß Martin Opterberg zwischen den Zähnen hervor. Er spürte, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte.
»Wie sagtest du?« fragte Professor Barthelmeß und nahm eine Fechterstellung an.
»Ich sagte, daß ich dir den Betrag morgen früh von meiner Kasse überweisen lassen werde und daß ich dir hiermit gute Nacht wünsche.«
Auf dem baldachinüberdeckten Renaissancelager schlummerte Sabine Opterberg, die Lippen halbgeöffnet wie ein zärtliches Kind.
Der Mann, der sie prüfend betrachtet hatte, wandte sich ab, als wäre ihm ein Nachtfrost über die Glieder gelaufen. »Da orakeln die Neunmalweisen,« flog es ihm durch den Sinn, »das Weib sei ein Rätsel. Und es ist doch nur dann ein Rätsel, wenn es voller Niedrigkeiten steckt, die unsere Anständigkeit nicht erraten kann.«
Nun zog es Martin Opterberg doch zu den Freunden. Plötzlich und unwiderstehlich zog es ihn hin, als drängte es ihn in sein Kinder- und Jugendland. Unangemeldet traf er in dem nicht fernen Industriedorf bei Christoph Attermann ein und stand auf der Schwelle.