Da erzählten sie beide, und einer nahm dem anderen das Wort vom Mund, um Wertvolles für den anderen hinzuzufügen. Von Therese Attermanns ärztlichem Beruf und ihrer Tätigkeit als Kassenärztin unter den Werksarbeitern, ihren Frauen und ihren Kindern. Und von Christoph Attermanns selbständiger Stellung als hochbezahlter Ingenieur und Betriebsleiter. Und von beider Plänen.

»Du dachtest gewiß, Martin, als du hier eintratst: ›Sie zogen mit gesenktem Blick in das Philisterland zurück, o jerum, jerum, jerum!‹ Falsch geraten, Martin, scharf daneben. Wir gedenken im Gegenteil ganz gewaltig ins Zukunftsland einzumarschieren, das Theresel und ich mitsamt dem Buben und allem, was nachfolgt. Drum haben wir unsere erste Einrichtung ganz bescheiden gehalten und unsere Lebensführung der Einrichtung angepaßt, um Monat für Monat unsere Kriegskasse aufzufüllen. Denn ich möcht’ einmal mein eigener Herr oder Teilhaber an einem Werk werden, um meine besten Kräfte erst entfalten zu können und den Meinen die Zukunft zu erschließen. Schau, daran hilft mir die da mit ihrer ganzen, großen Frauenliebe von morgens bis abends, und selbst des Nachts muß ich sie oft hergeben für ihre Kranken.«

Er hatte die Hand seiner Frau gefaßt und hielt sie fest umspannt.

»Der Christoph,« sagte die junge Doktorin, »ist nämlich von der Einbildung besessen, ich übte meine Kunst nur ihm zu lieb und nicht in erster Linie um der Kranken willen. Und ich würd’ sie wie einen Werktagsrock an den Kleiderriegel hängen, sobald er mir den erträumten Sonntagsrock brächt’. Nachtwandler soll man nicht anrufen. Und er nachtwandelt gar so schön, der Christoph.«

»Erzählt mir auch von den Freunden,« bat Martin Opterberg. Es war ihm warm und wohl zumute.

»Sie sitzen alle drei mit ihren Frauen in Düsseldorf,« berichtete Christoph Attermann. »Der wackere Broich ist mir der liebste geblieben. Das war er mir schon damals, als er mit eisernem Willen seinen Assessor machte, um sich seine Hilde Falkenroth aus dem Gasthof bei Koblenz zu holen. Er trat als juristischer Berater in ein Düsseldorfer Werk, ist aber mehr und mehr der kaufmännische Direktor geworden. Die Ehe kann als eine vorbildliche gelten. Sohn und Tochter werden straff erzogen.«

»Und die Klarenbachsmädchen?« fragte der Besucher.

»Du hast’s getroffen,« bestätigte Christoph Attermann lachend, »daß du nach den Klarenbachsmädchen fragst und nicht nach den Männern. Denn das Klarenbachgeld spielt die erste Rolle in den beiden Ehen. Der Grüters, den die Gerda nahm, ist der alte Streber geblieben und jetzt frischgebackener Regierungsrat. Mit unserem einstigen Fuchsmajor Tillmann steht’s schlimmer. Seit er der Mann der Elfriede Klarenbach geworden ist, nennt er sich zwar Kunstgelehrter, aber dabei hat’s auch sein Bewenden. Er möcht’ halt das Studentenleben in alle Ewigkeit weiterführen mit Weib, Wein und Gesang, aber die Elfriede hat’s gewaltig mit der Eifersucht und heizt ihm zu jeder Tag- und Nachtstund’ ein.«

»Ich möcht’ sie doch einmal wiedersehen, die Wanderkameraden der Jugendzeit. Ach, ihr beiden, schön war es doch. So unglaublich schön …«

Sie verzehrten ein schmackhaft Mittagessen, das die Köchin selber auftrug, und dann wurde die junge Doktorin zu einer Wöchnerin gerufen. Christoph Attermann tauschte ein paar leise Worte mit ihr. Sie nickte ihm zu, schüttelte Martin Opterberg die Hand und ging.