Am heißesten wogte es in Sabine Opterberg. Eine Lebensgier war in ihr, die nicht zu stillen war, und wenn es sich nicht zu irgendeiner Abendgesellschaft in der Umgebung zu schmücken galt, schmückte sie sich für die Theater- und Musikaufführungen in den benachbarten Städten, und selbst in den politischen Versammlungen ihres Bezirks erschien sie, um einem besonders heißblütigen Vorkämpfer zu lauschen. Die Männer blickten ihr auf den Straßen nach, wenn sie in ihrer schlanken Fülle vorüber schritt, und sie erspähte jeden Blick unter den niedergelassenen Lidern, auf den Lippen ein geschmeicheltes Lächeln, das wie eine Aufreizung wirkte.
Dieses Lächeln war Martin Opterberg das Verhaßteste an seiner Frau. Weil es ohne Ansehn der Person jeden bewundernden Blick bescheinigte, der nur von einem Manne kam. Auf dem Werftplatz hatte sie gesessen, auf einem Bretterstoß, und zum Zeitvertreib auf ihn gewartet. Ein Knecht war mit einer Pferdekarre an ihr vorbeigekommen, hatte jäh angehalten und mit flackernden Augen nach dem feinbestrumpften Bein gestarrt, das von der Höhe des Bretterstoßes lässig hin und her pendelte. Da waren die Augenlider der Frau niedergesunken, da war das Lächeln erschienen, dies vermaledeite Lächeln, wie es die scheuen Dirnen auf den Straßen hatten. Nie hatte es Martin Opterberg so verhaßt gefunden wie in dem Augenblick, da der Knecht beim Erscheinen seines Herrn gleich einem ertappten Sünder mit dem Gefährt von dannen jagte.
Die Bewunderung ihrer Kreise genügte Sabine Opterberg nicht mehr. Längst hielt sie Ausschau darüber hinaus, und ihr zigeunerndes Blut wallte bei jeder Erscheinung auf, die aus dem Rahmen strebte wie sie selber.
In diesem Winter gingen die politischen Wogen hoch in den Fabrikstädten am Niederrhein. Ein neuer Volksredner der Umsturzpartei war aufgestanden, ein dienstentlassener, junger Oberlehrer, der rücksichtslos die Leidenschaften gegeneinander hetzte. Keine seiner Versammlungen ließ Sabine Opterberg im Stich. Das war eine Sprache, die sie in ihren Höhen und Tiefen verstand, so unklar der Schwall der Worte auch daherbrausen mochte. Daß es brauste, daß es stürmte und aller Grenzen spottete, das empfand sie wie heimatliche Luft, wie Blut von ihrem Blut.
Zwischen den Ehegatten kam es zu einer scharfen Auseinandersetzung. Martin Opterberg untersagte seiner Frau den Besuch der Versammlungen, untersagte ihr, sich selbst, ihn und seinen Namen bloßzustellen. »Du weißt, wohin du gehörst. Ein Schwanken ist ein Verzicht.«
Da ließ Sabine Opterberg den neuen Glaubensboten, an dem der politische Strudelkopf ihr nichts, an dem der abenteuernde Mann ihr alles war, heimlich zu sich rufen und führte mit ihm eine Unterredung, die mit der Aufstellung kecker Richtlinien zu einem unanstößigen Verkehr schloß. Schon wenige Tage darauf, an einem Sonntagmorgen zur Besuchszeit, wurde Martin Opterberg eine Karte überreicht mit dem Namen: Dr. phil. Friedrich Radermacher. In ehrlicher Überraschung las er den Namen. Was wollte der Hetzer und Hasser von ihm? »Ich lasse bitten,« gebot er dem wartenden Mädchen.
Der Eintretende war von schlanker und sehniger Gestalt, einen halben Kopf kleiner als der hochgewachsene Hausherr. Sein schwarzes Haar lockte sich in der Stirn, und in dem glattrasierten Gesicht lagen die dunklen Augen wie in verhaltenem Feuer. Eine Schönheit für romantische Zofenseelen, dachte Martin Opterberg und bot dem Besucher ernst einen Platz.
Doktor Radermacher nahm dankend an. Er erklärte in fließenden Worten, daß er von der vorbildlichen Art der Behandlung erfahren habe, der sich die Arbeiter auf dem Opterbergschen Werftplatz erfreuten, und daß er gekommen sei, um mit einem so sozial empfindenden Arbeitgeber, wie er ihn nie zuvor angetroffen habe, einen Austausch der Meinungen herbeizuführen, auf die Gefahr hin, seine vorgefaßte und verallgemeinernde Ansicht einer kleinen Nachprüfung unterziehen zu müssen. »Denn,« schloß er feurig, »nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!«
»Der Mann schauspielert,« sagte sich Martin Opterberg, doch ließ er sich höflich auf einige Erörterungen über die Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein, die er mit den Worten endete, daß die ehrliche Lösung aller dieser Fragen stets von den Persönlichkeitswerten in beiden Lagern abhänge und es im übrigen Faule und Fleißige, Zufriedene und Unzufriedene geben würde, solange die Menschheit sich nicht wie die Lilien auf dem Felde kleide und wie die Spatzen im Getreideacker nähre.
Nach einer Weile erhob sich der Besucher und bat, da er vorläufig keine politischen Versammlungen mehr abzuhalten gedenke, zu einer passenden Zeit wiederkommen zu dürfen. Martin Opterberg stand im Begriff, die Bitte als eine gänzlich zwecklose abzuweisen, als sich die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnete und Sabine ihren Gatten zum Frühstück rief. Überrascht blieb sie auf der Schwelle stehen, und da der Hausherr keine Miene machte, den Gast vorzustellen, so stellte sich der Gast mit einer ehrerbietigen Verbeugung selber vor.