Martin Opterberg schritt durch alle Räume seines Hauses. Still war das Haus geworden, aber auch gesäubert vom Keller bis zum Söller. Nur noch der Schall seiner Schritte lief mit, nicht mehr das Gespensterhuschen auf Stiegen und Gängen.
Wie eine Wohltat wirkte die Befreiung auf die Seele, die nicht mehr aufzufahren brauchte und aufzuhorchen auf einen schleichenden Fuß, auf ein schleichendes Wort, und sie wirkte wie eine Säuberung des Körpers. Das war’s, was Martin Opterberg immer wieder und immer stärker in tiefen Atemzügen empfand, seit an jenem Gerichtstag die Haustür ins Schloß gefallen war hinter dem flüchtenden Mann und wenig später als eine Stunde hinter der flüchtenden Frau: die Luft, diese Gottesluft des neuen, alles verjüngenden Frühlings.
Seit Jahren hatte er sie nicht mehr mit Bewußtsein getrunken. Als ob die Welt in Winterstarre gelegen hätte seit seinen Wanderjahren und alles Verlorene und Vergessene nachzuholen drängte im späten, staunenden Erwachen, so war ihm dieser Frühling, so staunte er selbst in ihn hinein und sog sich die Seele voll.
Kein Spinnweb aus grauen, raunenden Tagen kroch mehr in den Ecken, und selbst in den Mädchenkammern herrschte ein neuer und blitzblanker Geist, seitdem die Günstlinge der geflüchteten Frau abgelohnt worden waren und ein paar derbe Schwarzwaldmädchen Einzug gehalten hatten. Auf ein Ansuchen Martin Opterbergs waren die neuen Hausgenossinnen von Linde Baumgart sorgsam auf dem Opterberghof ausgemustert worden.
Ein Seltsames war: das Verschwinden der Hausfrau rief kaum einige Überraschung hervor. Lag es daran, daß das Landhaus der Opterbergs sich zu weit ab vom täglichen Verkehr befand, lag es an der schnellen Ernüchterung der einstigen Verehrer, die in der lockenden Mandel keinen Kern gefunden hatten, oder waren die Ereignisse so schnell und schweigend erfolgt, daß die Umwelt ohne Handhabe geblieben war, ob es sich nur um eine zeitliche Trennung oder um eine förmliche Scheidung handele.
Gegen den Sommer jedoch, als die Scheidungsklage vor Gericht ihre Erledigung gefunden hatte, sollte Martin Opterberg durch einen Besuch daran gemahnt werden, daß die Erinnerung an seine Ehe dem Gedächtnis einiger Leute doch noch nicht ganz entschwunden war. Auf das Trauerspiel folgte das Satyrspiel. Herr Professor Barthelmeß erschien und suchte eine dringende persönliche Unterredung nach.
»Mein Sohn,« sagte der Professor mit einem tiefen, schwingenden Schmerzenston und streckte beide Hände aus. »Ich habe den Weg zu dir gefunden.«
»Sie sind müde,« entgegnete Martin Opterberg. »Darum bitte ich Sie, Platz zu nehmen.«
Der Professor stutzte nur einen Augenblick. Er ließ sich nieder, setzte seinen Hut auf den Teppich und lehnte sich weit zurück. Seine Augen zwinkerten, als ob eine Träne hervorquellen wolle.
»Martin, es sind traurige Zeiten. Auch für dich. Denn ich kenne dein Gemüt, wie ich das deines seligen Vaters kannte.«