Offenen Mundes hatte sich der Professor erhoben. Frau Christiane strahlte ihn aus ihren kristallklaren Augen an. Und plötzlich tat der Professor ein paar weitausholende Schritte, erreichte die Haustür und warf sie schmetternd hinter sich ins Schloß.
Da wurde das Strahlen in Frau Christianes Augen noch größer als zuvor. Und sie schritt von Zimmer zu Zimmer und öffnete weit die Fenster. Und noch viel größer wurde das Strahlen, als gegen die Mittagszeit ein Bote aus dem Gasthof erschien und die Bestellung ausrichtete: der Herr Professor sei heimgefahren und habe hinterlassen, die Gasthausrechnung werde von Herrn Doktor Opterberg beglichen. Sie bezahlte ohne weiteres und gab dem Boten ein großes Trinkgeld dazu.
»Das Haus ist rein,« berichtete sie dem heimkehrenden Sohne. »Ich hab’s an Scheuertuch und Besen nicht fehlen lassen und brauch’ nur Zeit, um den Hausrat umzugruppieren.«
Dazu brauchte Frau Christiane wirklich Zeit, viel mehr, als die Arbeit auf den ersten Blick zu beanspruchen schien. Zu ihrem Sohne sprach sie: »Es macht mir nichts und kommt mir sogar gelegen, denn ich hab’ schon immer die Prob’ auf das Exempel machen mögen, was die Linde wohl bei mir gelernt hat, und ob sie imstand ist, die Wirtschaft daheim mal eine Strecke allein zu führen. Das kann sie jetzt zeigen.« Und an die Linde schrieb sie nach Haus: »Mädel, den Martin verlangt’s nach der Treibhausschwüle, in der er gesteckt hat, mit Macht in die frische Luft, und drum muß ich bleiben und sie ihm zuführen, bis seine Seele ganz und gar davon durchgespült ist und er wieder allein atmen kann. Wenn der Mensch über ein widerwärtig Schicksal gesiegt hat, darf man ihn nicht zum Grübeln gelangen lassen, sonst kommt leicht der Rückschlag und er fragt sich: warum und wozu? Ich mein’ aber nunmehr, der Martin hätt’ der Rückschläg’ allweil genug gehabt und bedürfte der Freud’ in der Zukunft. Denn er ist jung und stark und ein hoher Flieger und soll mir nicht rosten. Drum hab’ ich ihm erzählt, das Lindele sollt’ daheim einmal allein sein Meisterstück machen und ich tät’ mich inzwischen bei ihm ein paar Monde aufs Altenteil setzen. Ob mich mein groß Mädel versteht? Ich glaub’s für sicher.«
Der heilige Urväterhausrat war längst umgeordnet, der unheilige nach dem Rheingau abgerollt. Frau Christiane hatte Verpackung und Versendung in Gegenwart eines Notars vollziehen lassen und das unterstempelte Schriftstück an den Herrn Professor Barthelmeß »eingeschrieben« gesandt. Wo sich allzugroße Lücken in der Wohnung erwiesen, wurden sie durch Neuanschaffungen bald ausgefüllt, Fensterbänke, Tische und Truhen aber immerdar unter einer Fülle von Blumen gehalten.
»Seit du da bist,« sagte Martin Opterberg, »ist’s mir erst, als ob ich verheiratet wäre.«
Sie saßen des Abends lange beieinander, und Frau Christiane kannte kein Gespräch, das sie nicht durch eine immer neue Wendung auf des Sohnes Arbeitspläne hinüberleitete. Und den Sohn erfreute und erfrischte das Verständnis der Mutter, die das Werk um des Werkes willen sah und nicht um des hastenden Geldverdienens willen.
»Es geht nicht um das Geld, Bub, was der eine mehr oder weniger hat, es geht um die Freud’! Reichtümer an Freud’ schaffen, das wär’ die rechte Losung für die Welt. Ohne die Menschenfreud’ wär’ die Aufbürdung unseres Daseins rundheraus eine Gemeinheit, und der liebe Gott macht so was nicht.«
»Der liebe Gott gewiß nicht, aber die Menschen.«
»Weil sie trotz aller Religionsbestrebungen keinen Deut vom Herrgott wissen! Weil ihnen von frühauf in jeglicher Tonart gepredigt wird, die Erde sei ein Jammertal und der Mensch nur da, um die Erbsünd’ bis vor das Himmelstor zu schleppen und dort zitternd auf Erlösung zu harren und auf das ersehnte Gaudi im Himmel. Ich sag’s dir aber als gewiß, Bub: wer den Herrgott nicht in einem Teil seiner Schöpfung, in seiner Erdenwelt, erkennt, der erkennt ihn auch nicht im Ganzen, und wer ein so großer Jämmerling ist, daß er’s hier auf Erden zu keinem Juchzer bringt, der soll fein gebührlich das Maul halten von seinen dereinstigen Jubelgesängen im Himmel. Denn der Kapellmeister da droben ist auch musikalisch.«