»Mutter, da muß ich mich aber hinter die Noten knien.«
»Ach, Martinle, spiel dich nicht mit deiner kleinen Verkühlung auf. Du hast von Vater und Mutter her einen gewaltigen Brustkorb. Da räuspert man sich höchstens ein wenig und hustet es weg. Das hast du schon pünktlich besorgt, und die Freud’ am Vorwärtsschaffen leuchtet dir vom Gesicht. Das aber, Bub, ist die allergrößte Freud’, weil sie uns das Bewußtsein gibt, auch jemand zu sein, der die Welt und die Menschheit vorwärts bringt.«
»Mutter, ich stell’ dich auf dem Werftplatz als Sonntagsprediger an.«
»Schon gefehlt! Als Werkeltagsprediger! Alle Werkeltag’ muß die Freud’ geübt werden, damit sie am Sonntag wie ein rechter Kirchenchor klingt. Nur so erlöst sich der Mensch von sich selber.«
»Mutter, wir wollen ein Glas Wein trinken. Wenn man dir zuhört, möcht’ man anklingen auf’s Leben.«
Dann ging Frau Christiane mit einem heimlichen Lächeln und holte selbst den Trunk. —
Ein immer hellerer Schein stand in Martin Opterbergs Augen, wenn er über den Werftplatz schritt und seinen Arbeitern zunickte. Und als ein neuer Schiffsrumpf auf Stapel lag, versammelte er alle die Mitarbeiter am Werk in einer Halle und sprach zu ihnen, wie man zu treuen Kameraden spricht.
»Männer, ich brauche kein Hehl daraus zu machen, daß ein schwerer Sturm durch meine Seele gegangen ist. Aber ihr habt mir die Freude wiedergebracht, dadurch, daß ihr mein Werk gefördert habt als das Wertvollste im Mannesleben. Es kann kein Baum eichenstark wachsen, der nicht vom Wetter gerüttelt worden ist, aber es kann auch keine Liebe keimen, die nicht ins Leid gesehen hat. Männer, die Werft ist jung, und die Zeiten sind ernst. Wir aber wollen zusammen alt werden und durch die Zeiten hindurch. Und beides mit Freuden, oder es ist umsonst gewesen. Deshalb soll hinfort ein jeder, den ein Leid drückt, es zu mir tragen, damit wir es gemeinsam verjagen. Kann aus wirtschaftlichen Gründen das Geld nicht gleich verteilt sein, so kann und so soll doch die Freude gleich verteilt sein unter uns Arbeitskameraden und die feste Lebenszuversicht: ›Mir kann nix geschehen. Ich gehör’ zur Opterbergwerft!‹ Darauf leere ich mein Glas.«
Die Männer hatten sich nicht gerührt. Kein Beifall erscholl zum Schluß der Ansprache. Aber die Arbeiter kamen mit ihren Meistern und stießen mit ihm an, wie man unter Kameraden anstößt, und beim Festtrunk ging statt des Gesanges ein ernsthaft Reden um alle Tische. Und dann erschien am Sonntagmorgen eine Abordnung im Hause Martin Opterbergs und fragte, wie es gemeint sei.
Diese vertrauliche Annäherung freute ihn am meisten, und er besprach mit seinen Angestellten die Gründung eines Ausschusses, den sie aus ihrer Mitte frei zu wählen hätten und dem freimütig alles vorgetragen und vorgelegt werden sollte, was irgend einer aus der Arbeiterschaft auf dem Herzen habe und sich nur scheue, es mit dem Werftherrn von Mund zu Mund zu besprechen.