»Das Urteilsvermögen und die Ehrenhaftigkeit der Ausschußmänner bürgen mir dafür, daß sie mir selbst nur die gesichteten Fälle vortragen, die damit so gut wie erledigt sind. Und nun noch eins. Ich möchte, daß ihr den Werftplatz als eure Heimat und die Arbeit als ein Glück und eine Freude empfindet. Das kann nur sein, wenn ihr nicht nur maschinenmäßig eure Stunden herunterschafft, sondern auch über euer Tagewerk hinaus den Erfolg seht, ich meine den Erfolg, der euch selbst und eurer Lebenssteigerung zugute kommt. Daher bin ich willens, alle Werksangehörige mit einem gewissen Prozentsatz, den ich dem Ausschuß noch mitteilen werde, am Reingewinn zu beteiligen, ich und mein Teilhaber, der demnächst eintreten wird und als mein Pflegebruder in allen Dingen denkt wie ich. Dann zählen wir nicht mehr die Arbeitsstunden, sondern die Arbeitsfreuden

Die Abgeordneten sahen sich in die Augen. Es waren ältere Familienväter, die die Schwere des Lebens in reicherem Maß kennen gelernt hatten als seine Sonnenseiten. Und als sie sich eine Weile stumm in die Augen geblickt hatten, als ob sie wortlos Red’ und Antwort tauschten, nickten sie mit schwerer Stirn ihrem Sprecher zu, der sich langsam erhob.

»Herr Doktor Opterberg,« sagte er, »Sie und wir, wir gehören politisch wohl den verschiedensten Parteien an. Aber das kann ich Ihnen sagen: das, was Sie uns da soeben aus freien Stücken und nur aus einem gerechtfühlenden Herzen heraus vorgeschlagen haben, das war so sozial gedacht, wie wirklich und wahrhaftig nur ein ganz vornehmer Mensch denken kann. Sie haben uns von Arbeitern zu Mitarbeitern gehoben, und das sollen Sie Gottverdammich nicht zu bereuen haben. Guten Morgen, Herr Doktor Opterberg.«

Eine kurze Zeit darauf meinte Frau Christiane im Laufe eines Gespräches: »Übrigens, daß ich’s nicht vergess’: die kleine Attermann läßt fragen, wann sie denn eigentlich getauft werden sollt’?«

»Die kleine Attermann?« wiederholte Martin Opterberg überrascht. »Ja, ist die denn nicht längst getauft?«

»Das mußt du als Pate doch besser wissen als ich. Meiner Ansicht nach befindet sich das arme Wurm noch im dicksten Heidentum und wird sich, dauert’s noch weiter hinein in ihre Jungmädchenzeit, aus Schicklichkeitsgründen bald nicht mehr von dir über das Taufbecken heben lassen.«

»Ja, Mutter, wenn die Attermanns so unchristlich mit ihrem Mädel verfahren, kann das Kind doch nicht mich dafür beschimpfen.«

»Du, Martin, wenn du bis zum Sonnabend das taufmäßige Gefühl aufbringen könntest —?«

Am Sonnabendnachmittag fuhren sie hinüber. Der Pfarrer hatte zuerst eine Sonnabendtaufe ablehnen wollen, da dieser Tag der Vorbereitung für den Sonntagsgottesdienst vorbehalten sei. Aber Therese Baumgart hatte ihm zu wissen getan, der Storch frage ja die Ärzte auch nicht, ob ein Sonntagsgottesdienst vorliege, sondern erwarte, daß sie zu jeder Stunde bereit seien. Und was für den Arzt zutreffe, das treffe doch wohl auch für den Seelenarzt zu. Der Herr Pastor möge seine Sonntagspredigt schon im Lauf der langen Woche durchdenken statt am letzten Tag.

Vom Opterberghof war als Patin Linde Baumgart eingetroffen. Herzlich erfreut streckte Martin Opterberg dem Mädchen die Hand entgegen. Sie stand, fertig zur Feier angekleidet, und das weiße Gewand spannte sich über den jungen Mädchenbrüsten und schmiegte sich fest um den schlanken Leib. »Nun sind Sie eine junge Dame geworden,« sagte Martin Opterberg, »und ich weiß nichts von der Zwischenzeit.«