»Das ist sie heute schon. Das tat sie schon längst. Aber es läßt mich nicht und rüttelt und schüttelt mich noch immer. Und wenn du’s nicht anders nennen willst als das beleidigte Herrenbewußtsein. Es ist und bleibt doch der Schmutz an meinen Kleidern.«

Da sagte Christoph Attermann in seiner ruhigen Art: »Ich helf’ dir, Martin, mit allem, was in mir ist. Wir haben ja doch gemeinsam Blut, Martin.«

Bei der feierlichen Taufhandlung hielten Linde Baumgart und Martin Opterberg den Täufling. Wenn Linde Baumgart ihm das Kind in die Arme legte, spürte Martin Opterberg den Strom mütterlicher Zärtlichkeit, der aus dem Mädchenkörper zu ihm herüberquoll. ›Der würde es ein Glück bedeuten, Mutter sein zu dürfen,‹ dachte er, und sie neigten zum Segen des Herrn miteinander die Häupter.

Was alles er mit seiner Nachbarin und Mitpatin bei Tisch geplaudert und besprochen hatte, das war ihm später kaum noch erinnerlich. Es mußte wohl vom Opterberghof gelautet haben, der ein reiches Erntejahr hinter sich hatte, oder von der Kinderzeit, oder von der Opterbergwerft, oder auch von den aufziehenden Wetterwolken in der Welt. Vielleicht gar von alledem zusammen. Eins aber blieb ihm in der Erinnerung: daß er neben einem urgesunden und reinen, lebensfrohen und willensstarken Menschenkinde geweilt habe, mit dem er während der Tafel auf Frau Thereses Geheiß Brüderschaft gemacht hatte.

»Fast ist sie mir noch lieber als das Theresel, weil ihre Fröhlichkeit nicht wartet, sondern so aus dem innersten Herzen herausbricht wie ein Gebot Gottes,« meinte Frau Christiane anderen Tags auf der Heimfahrt, als sie mit dem Sohne allein im Abteil saß. Martin Opterberg aber nahm ihren Kopf wie den eines Kindes, bettete ihn an seine Brust und klopfte ihr die Wange.

»Ja, ja, ja — ich weiß schon.«

Da war Frau Christiane zum ersten Male sichtbarlich empört, weil sie sich von ihrem Bub auf der ersten Dummheit hatte ertappen lassen. —

Martin Opterberg betrieb den Eintritt Christoph Attermanns und die Überführung des Attermannschen Haushaltes mit unermüdlichem Eifer.

Die Zeichen der Zeit wollten ihm nicht gefallen, und Mutter und Sohn führten kaum noch ein anderes Gespräch.

»Seit wir in Marokko so laut mit dem Säbel gerasselt und uns so leise empfohlen haben, beginnt die Welt das Lied von unserer Unüberwindlichkeit für einen schönen Eigengesang zu halten,« äußerte Martin Opterberg ernst. »Und wer im Auslande gelebt und dort aufmerksam in die deutschen und in die fremden Volks- und Gesellschaftskreise hineingehorcht hat, muß mit Bedauern feststellen, daß wir uns trotz unserer Begabung, unseres Fleißes und unseres Reichtums immer noch nach Form und Ton wie emporgekommene Kleinkrämer benehmen. Es gibt auch eine Weltkinderstube. Aber wir haben die eigene nicht einmal gründlich durchgemacht.«