Um die Osterzeit versammelten Martin Opterberg und Christoph Attermann die Vertrauensmänner des Werkes in ihrem gesonderten Arbeitsraum. Die Männer saßen um den großen Zeichentisch und blickten mit erwartungsvollen Augen auf Martin Opterberg, der sich erhoben hatte.
»Liebe Mitarbeiter,« sagte er und entfaltete vor sich eine Anzahl von Papierbogen, »die Stunde, in der uns der Lohn für unser gemeinsames Schaffen winkt und die ich euch zugesagt hatte als Dank für eure treue Mithilfe und darüber hinaus als Staffel zu einer, will’s Gott, bald immer mehr sich steigernden Lebenshaltung, ist zum erstenmal gekommen. Der Jahresabschluß liegt fertig vor. Hier ist er. Wir haben unter uns lediglich mit dem Reingewinn zu tun, den ich in zwei Hälften teile. Die eine Hälfte weise ich meinen Mitarbeitern zu als besondere Gewinnzulage zu ihren Arbeitslöhnen. Unsere Werft ist noch zu jung, und wir stehen erst am Anfang. Aber wenn wir so fleißig weiterschaffen und vor allem so vertrauensvoll Hand in Hand marschieren, daß jeder im anderen seinen Freund und Helfer sieht, werden wir nicht nur das Werk auf die gewollte Höhe bringen, sondern auch jede einzelne Familie. Ich bitte Sie, den Jahresabschluß einzusehen.«
Der Wortführer der Vertrauensmänner nahm die Papiere entgegen.
»Weil Sie’s der Ordnung wegen wünschen, Herr Doktor Opterberg,« sagte er. »Nötig wär’s nicht gewesen. Erstens, weil’s Ihr freier Wille ist, und zweitens, weil wir Ihnen ohne was Schriftliches aufs Wort glauben. Wenn Sie gestatten, Herr Doktor Opterberg: das ist ja gerad der springende Punkt: daß Sie an unsere Arbeitsfreudigkeit glauben und uns als freie Männer am Werk schaffen lassen, und daß wir an Ihr soziales Empfinden und Ihr Gerechtigkeitsgefühl glauben, das nur freie Männer sehen will. Das ist uns eine mächtige Freude, Herr Doktor Opterberg, und Sie können’s am Singen und Witzereißen hören, wenn Sie über den Werftplatz gehen. Das finden Sie nicht so leicht wieder. Und ob der Abschluß nun mal hart und nun mal weich, mal fett und mal mager ausfällt: Herr Doktor Opterberg, es ist Verlaß aufeinander, und darauf könnten Sie das Abendmahl auf katholisch und auf evangelisch nehmen, lassen Ihnen die Werksangestellten sagen. Unseren besten Dank, Herr Doktor Opterberg.« —
Im Juni kehrte Martin Opterberg von einer längeren Auslandsreise zurück. Er kam am Abend und begab sich sofort in das Attermannsche Haus. Christoph Attermann befand sich auf der Werft, und Therese war an ein Krankenbett gerufen worden. So setzte er sich zu den Kindern, ließ sein Patenkind Linde auf den Knien reiten und den kleinen Christian mit seinem Besuchshut Kreisel spielen, bis die junge Doktorin als erste heimkehrte. Sie stand in der Tür und schaute ihm zu.
»Grüß Gott, Martin!«
»Ah, sieh da! Grüß Gott, Therese! Fröhlich schaust du drein, und die Kinder sind vergnügt wie die Heuschrecken. Willst du mir nicht eins ablassen von deinem Reichtum?«
»Eins ist zu wenig, und zwei kann ich nicht missen. Wär’ ich du, Martin, so schafft’ ich mir selber den Segen herein.«
»Ja,« meinte er, hob das aufjauchzende Kind hoch zur Zimmerdecke und setzte das strampelnde in seinem Rollstühlchen nieder, »wenn der Storch die kleinen Kinder noch aus dem Wiesenteich fischte und durch den Schornstein fallen ließ’. So billig tut er’s nicht mehr.«
»Ich mein’, der Martin Opterberg wird’s nicht so billig tun.«