»Es gibt keinen Tod, Christoph. Es gibt nur ein Erneuern. Dafür laß mich nun Sorge tragen.«
»Nein — nein — nein! Ich ertrag’s nicht! Ich bin ein Bettelbub geworden.«
Frau Christiane ließ ihn weinen. Nach einer Weile erst begann sie ruhig zu sprechen.
»Ein Bettelbub, Christoph? Das sagt der Patenbub der Frau Christiane Opterberg und der Freund des jungen Martin? Du wirst es nie wieder sagen, Christoph, wenn du mir zugehört hast. Als deine Mutter starb, wie du soeben geboren warst, stand ich bei ihr und sah ihr in die Augen, wie wir uns oft in schweren Stunden in die Augen gesehen haben. Ich hatte den acht Wochen alten Martin an der Brust und nahm dich auf und legte dich hierher an die andere Brust. Da lachte die Sterbende ganz hell, und das war ihr Letztes. Und dich nahm ich mit ins Gutshaus, und an dieser Brust hat der Martin und an dieser hast du gelegen, und ihr beiden habt an mir getrunken ein volles Jahr lang.«
Beide Hände preßte sie unter die Brust und sah den Knaben mit leuchtenden Augen an.
»Ist das ein Bettelbub, den die Frau Christiane Opterberg aus diesem Quell hat trinken lassen, bis er groß war und stark und auf den Füßen laufen konnte? Ist das bißchen Brot, das ich dir heut anbiete, mehr wert als Muttermilch? Muß ich wirklich so feierlich werden mit meinem dummen großen Jungen?«
Da schrie der junge Christoph Attermann aus seiner Not heraus auf, daß es wie ein helles Lachen klang aus vergangenen Tagen.
»Mutter!« rief er und fiel mit dem Kopf in ihren Schoß.
Der Wagen rumpelte in den Gutshof.
»Natürlich, Christoph. Die Frau Pate ist hin und vergangen. Und der Martin hat seinen Bruder. Helft eurer Mutter zur Erde, ihr Buben!«