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Ein Sonderling hatte sich das Gutshaus erbaut. Auf steilem Uferrücken stand es frank und frei über dem rauschenden Rhein, und seine weißen Mauern, nur nach der Wasserseite vom Grün des Reblaubs umrankt, winkten in weite Ferne. Der kleine Giebelturm, mit Fenstern nach jeder Windrichtung verkleidet, hielt wie ein Dachreiter Ausschau über den Strom hinüber in das nahe uralte schweizerische Städtchen und in die anrückende Bergwelt, die sich in unabsehbaren Linien übereinandertürmte und in abenteuerlichen Gebilden das Gesichtsfeld beschloß, und diesseits des Stromes über die weiten, von Obstbäumen bestandenen Wiesenflächen und die fetten Ackerspreiten des badischen Landes bis zu den tannendunklen Höhen des Schwarzwaldes.
Eher ein ruhsames Landhaus denn ein arbeitsames Gutshaus dünkte das freie Anwesen dem Blicke, und der in Stufen abfallende Garten mit seiner Fülle von seltenem Gesträuch und erlesenem Obst, der kühn den Fels hinab bis zu dem plätschernden Uferwasser kletterte, schien ebenso eher aus verfeinertem Behagen als aus ländlichen Notwendigkeiten geboren zu sein. Auf die Landwirtschaft wiesen in geräumigem Abstand nur die gutgehaltenen Wirtschaftsgebäude mit ihren herabreichenden Strohdächern.
Ein alter Oheim Opterberg, am Niederrhein nahe der holländischen Grenze zu Haus, hatte sich vor Jahrzehnten, auf einer Besuchsreise zu oberrheinischen Verwandten, in die Schönheit des Landes so heftig verliebt gehabt, daß er kurz entschlossen an Land, Wiesen und Äckern zusammenkaufte, was zusammenzukaufen war, und sich auf der felsigen Uferhöhe sein Hagestolzhaus errichtete, ganz und gar, wie es ihm seine Sonderlingslaune eingab.
Die Hofbesitzer der Umgebung hatten dazumal wohl oft den Kopf geschüttelt über die kostspielige und unwirtschaftliche Anlage des Gutshofes. Aber den alten Opterberg hatte seine Sach’ just so, wie sie war, gefreut, ohne daß er ahnen konnte, wie sehr sie erst den einen seiner Erben just so, wie sie war, erfreuen würde. Vom Blute des alten Oheims, der nicht gern nach Nützlichkeiten fragte und rechnete, war auch in Arnold Opterberg, dem Gatten der Frau Christiane, und es war in erheblichem Maße in ihm.
Der Knecht hatte schon einige Male stürmisch mit der Peitsche geknallt, und Frau Christiane war schon mit den Knaben in den erleuchteten Hausflur eingetreten, als Herr Arnold Opterberg vom Giebelzimmer die Treppe hinuntergeeilt kam.
Er war ein Mann zu Anfang der Vierzig, von schlankem, ebenmäßigem Bau und breit in den Schultern. Sein Kopf zeigte einen auffallend klaren Schnitt, und aus dem sonnenbraunen, von blondem Haupthaar und weichem Barte umrahmten Gesicht blitzten die blauen Augen um so heller und feuriger hervor.
»Willkommen, ihr Weltreisenden, willkommen!« und seine Stimme drang wie ein warmer Strom in die Herzen und überwältigte sie, ohne sie lange zu befragen. »Ihr seid mir die rechten Pfingstwöchner, ihr! Bis zur allerletzten Neige den Ferienbecher auszutrinken, ob der Gatte und Vater daheim verhungert und verdurstet!« Und schon wiegte er Frau Christiane, während er sprach, in seinen Armen hin und her.
»Du bist nicht verdurstet, Arnold.«
»Bin ich’s nicht, so gebührt nicht dir der Ruhm, du erzieherisches Gewissen. Aber Frau, so gib mir doch den Mund frei —«