Sie schwiegen alle drei, blickten mit zusammengezogenen Brauen in den Schoß und hoben die Köpfe.

»Du wirst es nicht bei dem einen Wort belassen wollen, Martin.«

Martin Opterberg ließ den Blick zum Fenster hinauswandern.

»Ihr möchtet hören: ein glücklicher Krieg oder ein unglücklicher Krieg.« … Sein Blick kehrte zurück, sammelte sich und wurde hart. »Und ich mein’, wir sollten diese Frage gar nicht erst stellen, wir sollten aufstehen, das ganze Land wie eine einzige Eidgenossenschaft, keine andere Partei im Kopf als ›Deutschland‹ und keine andere Religion im Herzen als wiederum ›Deutschland‹. Denn es wird nicht um Zepter und Kronen, nicht um Gewinn und Verlust gehen, es wird ganz einfach um dieses Deutschland gehen, das erwürgt werden soll, um die hungrigen Wölfe zu füttern. Darüber muß sich der letzte Mann, die letzte Frau im Lande klar sein.«

Therese Attermann sah ihn an.

»Sag mir, warum gerade Deutschland …?«

»Ich könnte dir antworten, Therese: es ist sein Geschick von altersher. Weil es die schlechtesten Grenzen in Europa hat. Weil es um Lebens- oder Sterbenswillen immer gezwungen war, das Schwert locker zu halten. Weil es seit der Völkerwanderung von den Fremdstämmen überflutet wurde und ihm jeder Krieg, den es bis auf den heutigen Tag um Zurückgewinnung von Licht, Luft und Raum führen mußte, als ein unerhörter Frevel ausgelegt wurde. Ach, Therese, es wären noch viele ›weil‹ anzubringen, und Deutschland als Kriegsschauplatz aller Völker und aller Jahrhunderte bestätigt, was ich sage. Aber sein Geschick hat zuletzt ein jeder in der Hand, um es zu wandeln.«

»Und wir haben es gewandelt, als wir das neue deutsche Reich schufen,« sagte Christoph Attermann.

»Ja, da haben wir es äußerlich gewandelt. Nicht innerlich. Alle unsere aufgestauten Kräfte haben wir losgelassen, als wir endlich eine Macht geworden waren, und wie eine frische Sturzflut ging es über die dürrgewordene Welt. Es war weiß Gott ein herzerfreuender Anblick, als das Teutonentum auf dem Platz erschien und auf allen Märkten der Erde Bewegung in die Massen brachte. Der Erfolg war unser, wär’ unser gewesen, hätten wir ihn nur ein klein wenig anders auszumünzen verstanden als nur in Geld, Geld und wieder Geld. Es kann etwas Wunderbares sein um das Geldverdienen, wenn man das gewonnene immer wieder ausstreut wie Regen auf die durstende Flur, wie Sonne auf den hungernden Acker. Werben muß es um Glück und Schönheit und Freude, um die Fortentwicklung des ganzen Volkes diesseits und jenseits der Meere und um die Hochachtung und den Dank der fremden Völker. Wir aber haben mehr oder minder das Geld nur hereingeholt, um es nach Urgroßmutterweise in den Strumpf zu stecken und den Strumpf fest zuzubinden und uns großspurig darauf zu setzen: ›Seht, was für ein Kerl bin ich!‹ Das Deutschtum schreien wir in alle Welt hinaus, aber für das Deutschtum in aller Welt haben wir keinen Groschen, und unsere Reichsboten rufen Zetermordio, wenn ein klarblickender Vernunftmensch Summen dafür einzustellen wünscht wie für Kohlenstationen und Kolonien, und erschweren den Auslanddeutschen sogar die Reichszugehörigkeit, statt sie stolz und stark zu machen. Seht, dieses unser Emporkömmlingstum, das wir so wenig veredlen, macht uns verhaßt bei Freund und Feind. Unser deutsches Wesen ist krank daran geworden. Es ist unser schlimmster Feind in der Welt und daheim.«

Die Drei saßen eine Weile schweigend. Sie schauten der Wahrheit ernst ins Gesicht.