»Sprecht das Wort nicht aus. Es bringt mich um den Verstand. Als ich mich vor zwanzig Jahren als Einjährig-Freiwilliger meldete, wurde ich nicht angenommen. Zu schwach auf der Brust oder zu platt auf den Füßen. Der Teufel mag’s wissen. Damals hätt’ ich mit Begeisterung gedient. Und siebzehn Jahre später, bei Kriegsausbruch, war die Brust apollinisch und die Füße aphrodisisch, und ich bildete mit vierhundert anderen ausgesiebten Ungedienten ein feines Armierungsbataillon. Ein Schießeisen vertraute man uns nicht an, aber eine dauerhafte Schippe und, als Beförderung, eine Hacke. So schippen wir Gräben und karren den Dreck. Zieh nicht deine Stirn in Falten, Opterberg. Ich weiß, daß geschippt und gekarrt werden muß und eine Soldatenehre gleich der anderen ist. Aber muß man just uns Schreibmenschen vom Dorfschreiber bis zum Universitätsprofessor unter die Schipper stecken, die keine sechs Hackenschläge hintereinander tun können, ohne die nächste Viertelstunde zu verschnaufen? Gut, ich seh’s deinem Gesicht an, du meinst, das lernt sich. Was sich aber nicht lernt, Freund und Hauptmann, das ist die Herabsetzung in die unterste Rangstufe und das Verfluchtsein, drin zu bleiben! Der gemeinste Frontsoldat, der gemeinste Etappensoldat kann sich durch seine Tüchtigkeit heraufarbeiten. Die jüngsten Dorfschulmeister laufen als Leutnants herum. Aber selbst für den größten Geistesriesen gibt’s im Armierungsbataillon keine Beförderung. Wir haben vor dem grünsten Jungen stramm zu stehen. Wir sind wie eine Maultierherde, ohne anderen Zukunftglauben, als daß wir stumpfsinnig unter Stumpfsinnigen abgerackert werden. Und eines Tages haben wir uns angepaßt, die einen aus Gewohnheit, die anderen durch Überredung, die dritten in ohnmächtigem Grimm, und die Heeresleitung wundert sich, woher die vielen Sozialisten kommen.«

»Wer über eine Sache schimpfen will,« sagte Martin Opterberg, »muß eine bessere an ihre Stelle zu setzen haben.«

»Ist das so schwer? Liegt das so weltenweit ab? Schau dich einmal um, Freund. In den Berliner Kriegsgesellschaften sitzen die Unabkömmlichen zu Tausenden, junge, wohlgenährte, hochgestiegene Männer. Aber man sagt, das sei eine geschlossene Religionsgemeinschaft, wie früher die Gescherten. Und wenn schon. Könnte man die Herrschaften, die sich drei Jahre gemästet haben, nicht einmal gründlich auskämmen und gegen uns austauschen? Die Schippe werden sie so gut halten können, wie wir die Feder. Ah, es ist ein Haß in uns auf diese feiste Drückebergerbande, der einmal furchtbar zum Ausbruch kommen wird. Weiter! Weiter! Fragt die alten, krummen Arbeiter bei uns. Die Arbeiterjugend steckt man mit einem Majorsgehalt in die Munitionsfabriken, und die Alten dürfen für eine Groschenlöhnung schippen. Ist für die Alten dort kein Platz? Wär’ nicht von vornherein dort ihr Platz gewesen? Wenn die Jungen aus den Fabriken und dem Großgeldverdienen herausgezogen und in die Feldregimenter gesteckt werden, pfeifen sie auf den Dienst für eine Erbsensuppe und verseuchen mit ihren Aufwiegelungen die Kompanien. Alsdann: Prosit.«

Er stürzte funkelnden Auges den Wein herunter und schlug die Mütze auf den Tisch.

»Haltung, Tillmann. Von meinem ehemaligen Fuchsmajor verlang’ ich mehr Haltung. Es ist leider Gott’s manches richtig, was du sagst, wenn auch durch erklärlichen Zorn verzerrt. Aber bedenk, Mann, die ganze Welt ist uns über den Kopf gekommen, und so sind uns mancherlei Dinge in der Eile auch über den Kopf gewachsen.«

»Wen’s trifft, der hat’s, Opterberg. Und der hört von allem nur das Nein.«

»Tillmann,« sagte Christoph Attermann begütigend, »was macht die schöne Klarenbachin, dein liebreich Gemahl? Ich weihe ihr dies Glas.«

»Tu’s nicht!« fuhr der Grimmige auf und fiel ihm in den Arm. »Sie ist imstand und verwandelt dir aus der Entfernung den Wein in Rattengift. Als ich mit meinem Feldkrätzchen auf dem Kopf das eine und einzige Mal auf Urlaub kam, wollt’ mich dies Götterweib in der Gesindestube essen lassen. Mein Schwager aber, der Grüters, der als Hauptmann dem Generalstab des Feldheeres zugeteilt ist, breite, weithinleuchtende Streifen, fast wie ein echter Generalstäbler, an den Hosen trägt und in Volksaufklärung arbeitet, durfte mit ihr in offenem Landauer durch die Straßen Düsseldorfs spazieren fahren.«

Er trank die Flasche leer und stand auf. »Gehabt euch wohl. Ein ander Mal. Ich muß an die Luft.«

Martin Opterberg und Christoph Attermann schauten ihm nach.