»Drei Jahre, Martin. Es muß zu End’ gehen. Es ist die höchste Zeit.«

»Christoph,« sagte Martin Opterberg, »daß wir’s trotz dem und alledem so lange ausgehalten haben, das zeigt doch erst, welch eine unverwüstliche Urkraft in unserem deutschen Volke liegt. Hier die richtige Erziehung mit der rechten Liebe angesetzt, und wir sind das erste Volk der Welt. Jetzt müssen wir durch die Vorschule …«

Ein paar Wochen darauf ging Christoph Attermann mit einem längeren Erholungsurlaub in die Heimat ab. Martin Opterberg wurde, bis zur Wiederverwendbarkeit in der Front, zur Dienstleistung in den Generalstab des Feldheeres befohlen.

»Sag den Frauen, Christoph, nun käm’ ich auch bald. Es drängt alles zur letzten Entscheidung. Und vergiß nicht: Wie’s auch kommt — wir sind in der Vorschule.«

12

Zwei Erlebnisse waren es vor all den tausenden, die sich in Martin Opterbergs Seele gruben, deren Bilder er mit sich nahm als Lehre, Mahnung und Maß. Sie machten seine Seele ehrfürchtig, sie erschütterten sein Herz und führten ihn durch ihre Bildkraft dem Höchsten im Leben zu, dem menschlichen Gleichgewicht.

Martin Opterberg meldete sich im Generalstab des Feldheeres beim Ersten Generalquartiermeister. Helm auf und umgeschnallt stand er in dem langen Flur, auf den die Vielheit der Türen mündete, vor dem Zimmer des Generals Ludendorff und wartete. Es war ein Kommen und Gehen von höheren Offizieren, die barhaupt und ohne Degen, wie sie von ihrem Arbeitstisch aufgesprungen waren, herbeieilten, um eine Aufklärung zu geben, einen Befehl entgegen zu nehmen, und dennoch blieb die lautlose Stille, in der man das Summen einer späten Fliege als Geräusch empfand. Hinter dieser Türe arbeitete ein Mann, der schier übermenschliche Bürde trug und sie mit Hergabe des letzten Nervs bewältigte, in dessen Hirn die Millionenheere Deutschlands auf allen Kriegsschauplätzen, die Heere der Verbündeten und die Heere der ganzen feindlichen Welt marschierten und das man dennoch immer neuen Belastungsproben aussetzte, selbst aus der Heimat heraus und in Staats- und Wirtschaftsangelegenheiten.

Das ging Martin Opterberg durch den Sinn, während er vor der geräuschlos auf- und zuklappenden Türe verharrte. War dieser Mann so groß an Geist — oder war Deutschland so klein an Geistern, daß man alle Wünsche und Hoffnungen auf dieses Einen Schultern lud?

Und mit einem Male wechselten die Bilder vor dem seelischen Auge Martin Opterbergs. Er sah die Hunderttausende von Neuen Testamenten in den Händen der Lesenden, er sah die Hunderttausende von Rosenkränzen am Gewehrschloß der Betenden — er schaute die Inbrunst — er hörte ihr Stöhnen im Ohr — und er sah Testamente und Rosenkränze auf den Kehrichthaufen fliegen und vernahm Wutgebrüll und Gotteslästerung.

Das war, als das Schicksalsrad anders herum ging — —