»Mein lieber Opterberg, hören Sie einmal gut zu, ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Damit Sie verstehen, daß ich Sie vorhin nicht kränken wollte —«
»Nein, Euer Majestät …!«
»— daß ich Sie vorhin nicht kränken wollte durch ein Mißtrauen in Ihre Person, sondern daß ich bei meinem ersten Hineinblicken in die öffentliche Welt ein allgemeines Mißtrauen sozusagen als Weggepäck mitbekam. Weshalb ich’s gerade Ihnen erzählen muß, weiß ich nicht. Aber ich tu’s.
»Also ich war noch ein Junge und sollte erst im nächsten Jahre öffentlich auf dem Hofball erscheinen. Aber nichtöffentlich zuzuschauen, war mir erlaubt worden. Mein Vater hatte mir seinen ihm sehr innig befreundeten Generaladjutanten als Führer und Erklärer beigegeben. Ich fragte, und er antwortete:
»›General Soundso.‹ — ›Ah, der berühmte Sieger von Siebzig?‹ — ›Na schon. Stoppt ooch die eigene Matratze.‹ Das heißt aus dem Berlinischen übersetzt: er handelt aus selbstsüchtigen Beweggründen.
»›Staatsminister Soundso.‹ — ›Ah, der politische Steuermann?‹ — ›Stoppt ooch, stoppt ooch.‹ … ›Der Professor Soundso.‹ — ›Ah, der gottbegnadete Maler?‹ — ›Stoppt ooch, stoppt ooch.‹ — Nach wem ich auch in jugendlicher Begeisterung fragte: er stopfte in seine eigene Matratze hinein.«
Der Kaiser warf sein Zigarettenende fort. Seine Blicke tasteten an den nebelverhangenen Fernen.
»Sehen Sie, mein lieber Opterberg, so wurde ich für meine erste Berührung mit der Öffentlichkeit und ihren Menschen vorbereitet. Und nun bitten Sie mir meine Herren heraus. Wir wollen fahren.« — — —
Die Arbeiten im Generalstab des Feldheeres hatten den Punkt erreicht, an dem der Treibriemen auf das Schwungrad aufgelegt werden konnte. Die Regimenter waren durch die Ersatzbataillone aus der Heimat aufgefüllt, Waffen, Munitionslager, Verpflegungswesen, Feldlazarette vervollständigt und auf den leisesten Anruf geregelt. Bei Tag und bei Nacht, unablässig und doch kühl und sicher hatte das Hirn der Generalstabsmänner unter der ungeheueren Spannung gearbeitet.
Martin Opterberg war zum Führer des Pionierbataillons ernannt worden, in dem er vordem eine Kompanie angeführt hatte. Die Verantwortung wuchs, aber auch das Glücksgefühl des Mannes, zu einer größeren Aufgabe berufen zu sein. Er hatte sich von Vorgesetzten und Kameraden im Generalstab verabschiedet und bestieg den Kraftwagen, der ihn in die angewiesene Stellung bringen sollte, als ihm noch ein Brief aus der Heimat zugereicht wurde. Er las ihn während der langen Fahrt und las ihn zu verschiedenen Stunden mit derselben tiefen Heiterkeit des Gemütes.