»Lieber Freund Martin,« schrieb Linde Baumgart, »Deine Drahtnachricht, daß Du als Bataillonsführer an die Front zurückkehrst, ist eingetroffen und hat uns nicht überrascht. Jeder Mann, jede Frau an ihren Platz. Da mußtest Du bei den ersten sein — und bei den vordersten. Denn diesmal geht es nicht um einen neuen Sieg, diesmal geht es um Erfüllung oder Vernichtung. Das ist mir ganz klar und nur den Menschen im Lande nicht, die euch als ihren lebendigen Stacheldraht betrachten, eigenst dazu da, um ihre Geschäftemacherei sorglich zu beschirmen, und nicht etwa schreien, wenn ihr einmal verliert, sondern nur, wenn sie dabei verlieren. Diesem rührend gemeinen Indentaghineinleben steht euer Indentaghineinsterben gegenüber. Du aber sollst unberührt durch beides hindurchschreiten in den kommenden Tag. Dafür bete ich, so gut ich das versteh’.

»Weißt Du, Freund Martin, ich betracht’s doch schon halt als ein Glück, daß Du aus der Hofluft herausbist. Ich hab’ zwar den Hofknix ein gut Dutzendmal versucht, aber das Niederducken liegt mir nicht so als das Hinauflangen, und so will ich Dir lieber zur Begrüßung um den Hals fallen, wenn Du heimkommst, ob’s schicklich ist oder nicht.

»Mutter Christianes Regiment auf dem fernen Opterberghof ist wohltuend für Mensch und Tier. Die Leute sagen: sie hat eine glückliche Hand. Aber nein, das ist es nicht. Sie hat den klaren und heiteren Geist, der das Mögliche sieht und mit voller Liebeskraft erfaßt, statt über den eigenen Schatten springen zu wollen. Das gibt ihr dies wunderbare Gefühl der Zulänglichkeit für diese Welt und die Erlaubnis, das Leben trotz allem immer noch schöner zu finden als das Sterben. Sie hat mich Jahre lang in die Schule genommen, und dazumal ließ mich mein höchster Mädchenehrgeiz wünschen: ich möcht’ Martin Opterbergs Mutter sein.

»Die Attermanns sind ein wenig heruntergearbeitet, aber es macht ihnen nichts aus. Der Christoph ist zwar nicht mehr felddienstfähig geworden nach dem schweren Schuß, aber auf der Werft steht er seinen Mann für zehn, und Du wirst Deine Freude haben, zu sehen, wie sein unermüdlich fleißiges und unermüdlich gütiges Wesen erstarkend auf Meister und Arbeiter wirkt. Ich hab’ nun wieder Kleider angelegt und bin die Werftkanzlei. Schwester Therese sehen wir nur am Abend. Sie bringt dem Vaterland das Opfer ihrer ganzen Person, indem sie ihm aus den blutigen Opfern des Krieges neue Söhne rettet. Die Laute hat sie mir überantwortet und ihre Lieblingslieder. Ich sing’ sie ihr, wenn wir zwei Schwestern zusammenhocken, und schaff’ ihr Freud’. Denn ohne die Menschenfreud’, sagt Schwester Therese, wär’ alles Leben und Streben kalt und blind, und die Menschenfreud’ macht selbst das kleinste Dasein lebenswert. So hab’ ich meinen Posten auf der Werft und daheim und werd’ nicht von ihm weichen, es komme, was da will.

»Das alles sollst Du wissen, Freund Martin, damit Du nach Deiner Mutter Art klaren und heiteren Geistes auf Deinen Platz marschierst. Du bist bei uns, und wir sind bei Dir. Da kann uns nichts geschehen. So sei gegrüßt von Deiner Freundin Linde.«

Als Martin Opterberg den Brief zum letzten Male gelesen hatte, fuhr er bei der Division vor. Der Standort seines Bataillons wurde ihm benannt. In selber Stunde noch machte er sich zu Fuß auf den Weg und traf am Abend auf seine alte Kompanie, bei der er sich als Bataillonsführer einrichtete. Hundert rissige und schwielige Hände streckten sich ihm entgegen. Er drückte sie der Reihe nach und fühlte, daß nur Liebe Liebe zeugt.

Kerntruppe war’s.

Gelernte Männer und kein unreifes Volk. Schiffer, Handwerker, Meister und Gesellen. Leute vom Rheinstrom, um den es ging.

»Verdammt dicke Luft, Herr Hauptmann.«

»Deshalb hat man uns hierhergeschickt und keine Frauensleut’.«