Und er starrte sie an wie eine Erscheinung aus fernen Erinnerungswelten.
Ein Funke sprang in seinem Auge auf, wie im Auge Hungernder und Dürstender, die eine Schale voller Früchte sehen. »Da bin ich, Linde Baumgart,« wiederholte er, trat auf sie zu, griff mit den Händen in ihre Schultern, riß ihren Leib an sich und bedeckte ihr Gesicht mit seinen wilden Küssen. Die Glieder schmerzten sie unter seinem harten Griff.
»Gib mir die Arme frei,« bat sie atemlos.
»Wozu die Arme?«
»Damit ich sie dir um den Hals legen kann, wie ich es dir versprochen hab’. So — so — so … Nun sei ganz ruhig, Martin Opterberg.«
Ein Aufschluchzen kam von der Treppenstiege. Dort stand Therese Attermann, und Christoph Attermann führte sie mit feuchten Augen dem Heimgekehrten zu.
»Zwei Schwestern heißen dich zur Nacht willkommen, Martin, und ein Bruder. Glücks genug im neuen Deutschland.«
13
Zwei Tage und zwei Nächte hatte Martin Opterberg in tiefer Erschöpfung gelegen. Ein paarmal war er aufgefahren, mitten aus seinem bleiernen Schlaf heraus, hatte wirren Auges um sich getastet, das weiche Bett gefühlt und an seinem Körper das linnene Hemd, und sich vergebens zu besinnen versucht. Wo lag er mit seinen todmüden Leuten? In Nordfrankreich? Dort kam man nicht in die Betten. In Belgien irgendwo? Sie hatten die aufgeregten Städte umgehen müssen und auf den Feldern rings um die Lagerfeuer gelegen. Also wohl gar auf deutschem Boden schon, in der Eifel? Aber in der Eifel trugen er und seine Pioniere längst kein Hemd mehr auf dem Leib. Das trugen sie längst schon in seinen letzten Fetzen um die wunden Füße gewickelt. Er lallte die Namen seiner Vertrautesten und horchte stumpf auf Antwort. Er starrte mit schlafschweren Augen nach den verhängten Fenstern. In seinem müden Hirn tauchte ein Bild auf: eine Mädchengestalt — so weiß, so leuchtend an Gliedern und Gewand. Ja, doch, das hatte den tiefsten Eindruck auf ihn gemacht, daß es noch solch eine blitzblanke Sauberkeit an Menschen und Dingen gab. Und einmal — einmal hatte er ein Mädchen in weiß gekannt, das schmiegte die Wange verträumt an den Lautenhals und sang: ›Du bist die Ruh — der Friede mild …!‹ — Therese! — Nein, nein, Therese war weinend hinzugetreten, und Christoph hatte sie an der Hand geführt. So war’s — so war’s … Er lag im Attermannschen Hause. Er hatte Wein getrunken und sich gesättigt, hatte ein heißes Bad genommen und sich in ein schneeweiß Hemd gehüllt, in ein schneeweiß Bett gelegt. Schlafen … schlafen … schlafen — —
Wieder wachte er auf, und eine sanfte Frauenhand stützte seinen Kopf, eine sanfte Frauenhand gab ihm aus einer Tasse starke Fleischbrühe zu trinken. Dann hatte er sich wieder in die Kissen gekuschelt wie als Bub auf dem Opterberghof, wenn es noch nicht ganz die Aufstehenszeit war zum Abmarsch in die Schule. Und beim nächsten kurzen Erwachen hatte es sich wiederholt: die Frauenhand, der stärkende Trunk, das wohlige Hinüberschlummern.